Die besten 110 Alben aller Zeiten: Plätze 110-81

…wenn’s nach mir geht.

Eine musikalische Liste von Benjamin Feiner.

Es gibt Alben, die will man zermahlen und sich intravenös einführen. Es gibt Alben, die gute Gründe sind, doch lieber auf der einsamen Insel zu bleiben. Und es gibt Alben, die als Meilensteine in der eigenen Biographie fungieren.

Meine bisher ungeklärte Vorliebe für Top-10-Listen (abgesehen vom sogenannten Click-Bait-Problem) war für mich als unverbesserlicher Musikfan immer ein Anreiz, Bands, Alben und Songs in verschiedenste Rankings zu packen. Und ja: Es ist eines der überflüssigsten Dinge des Planeten, etwas, das so sehr vom persönlichen Geschmack und Empfinden abhängig ist, haarklein zu sortieren und einzuordnen.

Deshalb gilt – es geht hier um den Spaß. Den Spaß, Erfahrungsberichte über Musik zu lesen, sich inspirieren zu lassen, neue Bands und Künstler zu entdecken. Meine Liste der „110 besten Alben aller Zeiten“ ist zu hundert Prozent subjektiv, und auch ein Meilenstein für mich selbst; es ist die längste und umfangreichste Liste, die ich jemals verfasst habe.

Was über viele Wochen dem [progrock-dt]-Forum auf Facebook häppchenweise vor die Füße geworfen wurde, gibt es nun endlich als neu aufgelegten Director’s Cut in einer brillanten Super-HD-Surround-Sound-3D-Remaster-Version. Inklusive Poster, Schal und Murmel.

Viel Spaß!

TEIL I

Plätze 110–101

110) October Rust – Type O Negative

In Hall getränkter Gothic-Rock-Klassiker. War sehr überrascht v.a. über die klangliche Tiefe dieser Scheibe.

109) What’s Going On – Marvin Gaye

Soul-Klassiker und treuer Begleiter, wenn man zwar ruhige Musik für einen romantischen Abend braucht, aber keinen drögen Lounge-Jazz auflegen will.

108) 100th Window – Massive Attack

Völlig unterschätztes Album der Trip-Hop-Legende. Unterkühlt, elektronisch, düster, wie aus einem Arthouse-Sci-Fi-Film.

107) The Neverending Way of ORWarriOR – Orphaned Land

Man nehme Opeth, Einflüsse arabischer Musik und einprägsame Songs – fertig ist eine der besten Progmetal-Wundertüten der letzten zehn Jahre.

106) Tug of War – Enchant

Man kann sich nicht immer nur Kubrik oder Aronofsky geben; manchmal braucht man einfach einen Emmerich oder einen Snyder für zwischendurch.

105) Rust in Peace – Megadeth

Eines der wenigen klassischen Metal-Alben, die ich von vorne bis hinten einfach geil finde. (Und die immer noch glasklar und perfekt klingt).

104) Februus – Uneven Structure

Läuft immer bei der Arbeit oder beim Schreiben. Ein Album wie ein Fluss. Atmosphärischer Djent, wie er sein muss.

103) The Kindness of Strangers – Spock’s Beard

Als pickeliger Jugendlicher meine Prog-Band of choice. Im Schrank meines Dads stand beinahe alles bis Snow; von daher war der Weg zur Einstiegsdroge nicht weit.

102) One Man Tell’s Another – Landberk

ARGH ich will dieses Album als Vinyl haben! Verdammt. So derart grazilen schwedischen Prog gibt’s sonst nirgends!

101) Together We’re Stranger – No-Man

Zu viele Tränen hat mich dieses Album bereits gekostet. Man wird hier von Watte-Melancholie eingehüllt, und ehe man sich’s versieht, steckt man schon drin…

Plätze 100-91

100) Black Country Communion II – Black Country Communion

Blues Rock mit starken Led-Zep-Vibes und Stargitarrist Joe Bonamassa: Die perfekte Muke, um sich bei heruntergelassenem Autofenster – Ellenbogen raus, Sonnenbrille auf – die pure Coolness zu geben.

99) Animals – Pink Floyd

Es ist das kantigste, düsterste Floyd-Album, und zumindest in meinen Augen wesentlich spannender als Wish You Were Here oder The Wall. Da bin und bleibe ich radikal. Außerdem ist das Coverartwork auf meiner Kaffeetasse drauf.

98) A pleasant Shade of Grey – Fates Warning

Theatralischer Gesang, dichte, düstere Atmosphäre und Reduzierung von Soloparts zugunsten des gesamten Albumflusses – Fifty… ich meine A pleasant Shade of Grey ist ein herausragendes Album seiner Zeit. Höre ich mir immer komplett von vorne bis hinten an!

97) Back to Times of Splendor – Disillusion

Apropos Progmetal: Disillusions kultiges Debutalbum hat bei mir erst spät gezündet. Das Klangbild ist nämlich unter aller Kanone, die Kompositionen und die Performance dafür umso intensiver. Wer Growls verträgt, hat hier eine Pflichtscheibe vor sich.

96) One – Tesseract

Ich konnte damals, anno 2009 / 2010, kaum glauben, dass so etwas möglich ist: Meshuggah meets Ambient? Ohrwurmmelodien und fiese Synkopten? Djent! Was heute zum heißesten Trend seit Metalcore geworden ist, war damals eine abenteuerliche Sensation. Und One war deren Flaggschiff.

95) Blood Mountain – Mastodon

Blood Mountain fand ich deshalb immer super, weil ich mitsingen UND Headbangen konnte, während ich gleichzeitig das gute Gefühl hatte, auch eine große Portion Prog zu inhalieren. Das unterhaltsamste Album der Sludge-Chaoten!

94) Signify – Porcupine Tree

Muss ich zu dieser Band überhaupt noch etwas sagen? Ja! Zum Beispiel, dass Steven Wilson früher, als er noch nicht für seine Remixes und Remasters bekannt war, mit Porcupine Tree einen der besten Geheimtipps im alternativen Rock hervorbrachte. Psychedelic, Prog, Indie, Pop? – Pah, ist doch wurscht, wie’s heißt!

93) Codename: Dustsucker – Bark Psychosis

Ein wohlgehütetes Geheimnis, diese britische Gruppe um Sänger Graham Sutton, mit ihrem elektronisch angehauchten Jazz-Postrock; und ein Album für die späten Abendstunden, wenn nur noch ein schmaler Streifen Zwielicht am Horizont zu sehen ist.

92) From Within – Anekdoten

Das ist tatsächlich noch Retroprog. Oder? Keine Ahnung. Mir kommt es oft so vor, als ob Anekdoten eine dauerbekiffte King Crimson-Coverband sein wollen, die eigentlich mit Stoner und Postrock aufgewachsen sind. Und auch ein bisschen den Emo im Gepäck haben…

91) Ocean Machine: Biomech – Devin Townsend

Devin Townsend, die Naturgewalt aus Kanada, reißt mich mit seiner Debutscheibe regelmäßig vom Hocker. Biomech ist völlig überproduziert, bombastisch und reinstes Ohrenkino. Und es gibt hier so gut wie keine Gitarrensoli. Von denen hält Hevy Devy nämlich nicht so viel. Braucht er aber auch nicht. Mit dieser phänomenal guten Stimme…

Plätze 90-81

90) Grace Under Pressure – Rush

Ich mag die 80ies Keyboards, ich mag Geddy Lee’s Frisur aus der Zeit und ich liebe diese massive Hitdichte! Grace Under Pressure ist vielleicht nicht ihr proggigstes, aber mit Sicherheit eines der unterhaltsamsten, ohrwurmigsten Alben des legendären kanadischen Trios.

89) Secrets of the Beehive – David Sylvian

Ein warmer Herbstwind, eingehüllt in akustische Wolken und feingliedrigen, eklektizistischen Songs. David Sylvians Schwenk hin zu organischeren Instrumenten hat eines der besten Geheimtipps der 80iger hervorgebracht – und die Saat für Bands wie Bark Psychosis oder No-Man gelegt.

88) Crimson – Edge of Sanity

Ein einziger langer Track, eine epische, düstere Sci-Fi-Story und durchgehend knallender Death-Progmetal: Das ist eigentlich der feuchte Traum der frühen 90er, als Doom und Warhammer 40k des Nerds täglich Brot waren. Und ist es immer noch, wenn man bedenkt, dass man sich vor Spannung und Drama regelrecht in den Sitz festkrallt.

87) Catch 33 – Meshuggah

… und es folgt sogleich der nächste Brocken: die Geburtsstunde modernen, extremen Progmetals. Jedesmal reißt mich dieses Album in einen pechschwarzen Strudel mechanischer Uhrwerkriffs und entmenschlichten Gebrülls. Es gibt keinen Weg an dieser CD vorbei, wenn man wissen will, wie weit sich eine Band vom Menschsein wegbewegen kann.

86) Rage Against the Machine – Rage Against the Machine

Eine Ikone des 90er Rocks und unbestritten eines der am härtesten groovenden Alben mit unbarmherziger, politischer Durchschlagskraft. Gitarre und Bass sind herrlich trocken abgemischt, alles klingt nach einer zwar transparenten, aber vor Live-Energie strotzenden Aufnahmesession. Dazu will man einfach irgendwas anzünden.

85) After – Ihsahn

Kennengelernt über die progrock-dt-Show! Yeah! Danke für diesen wunderbaren Tipp, denn Ihsahn ist in der Tat einer der talentiertesten „New-Progmetaller“. Ich stehe auf sein garstiges Gekeife, fahre auf die vielschichtige Harmonik ab und könnte bei Hymnen wie „Frozen Lakes on Mars“ einfach weinen. Das ist ziemlich perfekter Stoff.

84) Héritage des Celtes – Dan Ar Braz

Ich bin mit Dan Ar Braz praktisch aufgewachsen. Der Soundtrack unserer damaligen Bretagne-Urlaube (und sonst aller anderen Urlaube auch), ein durchgehend warmherziges Album, das dem Begriff Folk den Kitsch nimmt und ihn stattdessen mit intelligenter Musikalität ersetzt. Dudelsack und Fidel sind selten so mitreißend und emotional wie auf dieser (inzwischen schon etwas in die Jahre gekommenen) Scheibe.

83) Precambrian – The Ocean

Als The Ocean noch ein Behemoth von Band war und unzählige Gastmusiker verschlang wie ein hungriger Pottwal, entstanden Alben wie dieses: die Erdgeschichte musikalisch mit Postrock und Extrem-Metal aufbereitet. Bei Songs wie Untimely Meditations jagt mir das Bild von einem Tsunami, der durch die Fensterscheiben birst, regelmäßig einen Schauer über den Rücken.

82) Human – Death

Wenn man sich die Zähne an der Bordsteinkante ausschlägt, das Herz das Blut panisch in den Schädel pumpt oder mit Abszessen an den Mandeln ins Krankenhaus gebracht wird – dann wird einem die eigene Zerbrechlichkeit erst so wirklich bewusst. Dieses mit Abstand brutalste mir bekannte Death-Metal-Album ist ein Mahnmal an eben jene Sterblichkeit und an Chuck Schuldiners immenses Talent.

81) Controlling Crowds – Archive

Als ob man Massive Attack mit ausschweifendem Postrock verschmilzt – eine Scheibe wie eine Landschaft, mit zerklüfteten, elektronischen Beats, Industrial-Komplexen und endlosen Ambient-Ebenen; über allem die sentimentalen Lyrics über die Einsamkeit des 21. Jahrhunderts. Kurzum: der Meilenstein einer wahrhaft mutigen, progressiven Gruppe!

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