Die besten 110 Alben aller Zeiten: Plätze 80-61

…wenn’s nach mir geht.

Eine musikalische Liste von Benjamin Feiner.

Was über viele Wochen dem [progrock-dt]-Forum auf Facebook häppchenweise vor die Füße geworfen wurde, gibt es nun endlich als neu aufgelegten Director’s Cut in einer brillanten Super-HD-Surround-Sound-3D-Remaster-Version – inklusive Poster, Schal und Murmel: die subjektivste Liste seit es Progressive Rock gibt.

Das Vorwort und die Plätze 110-81 gibt es übrigens hier…

…und wer zu den Plätzen 60-51 weitergehen will, klickt hier.

Viel Spaß!

TEIL II

Plätze 80–71

80) Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band – Beatles

Eine besondere Band in dieser Top-Liste, weil eigentlich das Gesamtwerk der Beatles, weniger ein einzelnes Album so wichtig für die Pop-Musik ist (und für mich selbst). Nichtsdestotrotz ist Lonely Hearts Club Band das bunteste und abgedrehteste, was die Beatles bis zu diesem Zeitpunkt abgeliefert hatten. Besonders cool natürlich: „Fixing a Hole“, „Lovely Rita“ und „A Day in the Life“.

79) The Raven that Refused to Sing – Steven Wilson

Beinahe hätte ich die Gelegenheit gehabt, in meinen alten musikreviews.de-Tagen ein Telefoninterview mit Mr. Wilson zu führen! Grrnn. Aber: Ich gab Insurgentes 12 Punkte, mit Verweis auf Luft nach oben. Die hat er auf seinem dritten „Solo“-Album dann auch ausgiebig genutzt: Definitiv eines der rundesten und besten Retroprog-Scheibchen aus dem Hause Wilson (und zum Titelsong habe ich mir wortwörtlich die Augen ausgeheult).

78) Grand Opening and Closing – Sleepytime Gorilla Museum

Ein Album, so kompromisslos wie ein 100-Kilo-Wrestler, der ohne Vorwarnung deine Tür eintritt, dich an den Haaren packt, durch den Flur zerrt und dir „FRISS ODER STIRB“ ins Gesicht brüllt. Eine Band, die dir keine Wahl lässt, keine Gnade kennt. Die in deine Gehörgänge flüssiges Metall gießt – und dann wie in einem bizarren Monty-Python-Sketch Achsel-Pupser von sich gibt.

77) Ego Tripping at the Gates of Hell – Louis Tillett

Der australische Singer-Songwriter ist ein absoluter Insider-Tipp. Auf diesem Album bewegt er sich elegant zwischen verspieltem Jazz, klaviergetriebenem Blues und funkigem Soul. Eingefangen im schönen End-80er-Sound, mit betonten Höhen und klarem Bass. Ein typisches „vorne bis hinten“-Album, dem die angenehm offene Herangehensweise an die Musik hinter dem Gesang besonders gut steht.

76) Three Friends – Gentle Giant

Oh Gott, habe ich mich schwer getan mit dieser Platzierung. Gentle Giant haben in ihrer besten Zeit nur Killer-Alben geschoben, hier könnten gut und gerne auch The Power and the Glory oder Octopus stehen. Three Friends ist jedoch das Album mit dem gewissen narrativen Anspruch, das deshalb repräsentativ Platz 76 belegen darf. Ansonsten heißt es: Pflichtmäßig alles anchecken, was die Prog-Schnörkler bis 1977 veröffentlicht haben!

75) Into the Everflow – Psychotic Waltz

Psychotic Waltz war DIE Band meiner verpickelten Jugend! Dermaßen intelligenten, bizarren Progressive Metal gibt es in dieser Form nur einmal: Jethro-Tull-Ambitionen verschmolzen mit Thrash-Eskapaden, gegossen in acht perfekte Songs, mal neben der Spur durch das Zeit-Raum-Kontinuum mäandernd, mal dunkel durch seelische Abgründe pulsierend. In meinem 16-jährigen Herzen die Nummer eins!

74) Fear of Music – Talking Heads

Für mich die große Überraschung des letzten Jahres – die Entdeckung der Talking Heads. Auf diesem Album (sowie auf dem Nachfolger Remain in Light) biegen die Heads die Grenzen des New Wave so weit, dass aus schwerer Bauchmusik leichtfüßige Kopfmusik wird. Und nebenbei der eigenartig mathematische Sound der 80er King Crimson vorweggenommen wird.

73) Remedy Lane – Pain of Salvation

Einer meiner liebsten Spätzünder. Und Himmel bin ich froh, dass er durchgedrungen ist. Ich vergöttere Daniel Gildenlöws stimmliche Performance und Lyrics, ich will niederknien vor dem herrlich trockenen, zurückgenommenen Klang der restlichen Band. Das ist keine Wucht wie bei einem Dream Theater, sondern nackte Emotionalität, reduziert auf ihre musikalische Qualität. Ich WILL den neuen Remaster NICHT hören…

72) Charango – Morcheeba

Was? Sowas total unrockig-proggiges so weit oben? Nicht, wenn es sich um ein Pop-Album handelt, das meine Abspielgeräte (sowohl CD als auch mp3) seit zwei Jahren dauerbelegt und immer (!) eine gute Figur macht: beim Spazierengehen, beim entspannten Dinner, beim Abwasch. Oder einfach nur mit geschlossenen Augen, beim bewussten Zuhören. Denn Charango hat wahnsinnig viel zu bieten für „nur“ sehr guten, trip-hoppigen Alternative-Soul – eine Menge Wärme und eine Menge Ohrwürmer. Hart gut!

71) Touchstones – Subsignal

Die Lieblingsband unseres väterlich-brüderlichen Dreiergespanns. Keine Ahnung, wie viele Konzerte wir von denen schon erlebt haben. 234? Zu viele auf jeden Fall. Der Sänger ist inzwischen mit meinem Vater auf Facebook befreundet. Puh, was noch? Ach ja: Ein kraftvolles Melodic-Rock / Prog-Album mit massivem Popcorn-Potenzial. Wobei wir immer noch streiten, ob denn nun Beautiful and Monstrous besser oder schlechter ist. Pff, was weiß ich. Es ist verdammt gut, okay?

Plätze 70–61

70) Pelagial – The Ocean

Mit diesem Album haben sich die zu einer Band heruntergeschrumpften The Ocean (Collective) selbst übertroffen. Der Tauchgang ins Unterbewusstsein profitiert von der inzwischen wesentlich raumgreifenderen Vocals Loic Rossettis, der wegen stimmlicher Probleme beinahe hätte zwangspausieren müssen. Es ist einfach faszinierend, wie das ganze Ding von Track zu Track immer dunkler und drückender wird – ein schwer zu toppender Postmetal-Schinken!

69) Artifical Paradise – Sylvan

Sylvan! Wie oft habe ich mit ihnen geschwelgt, wie oft mit den Zähnen geknirscht. Diese Band schlafwandelt auf einer Rasierklinge zwischen überbordendem Kitsch und perfekt inszenierter Dramatik. Auf Artificial Paradise vermeiden sie außerdem glücklicherweise ihren Hang zum Leerlauf. Mit gutem Gewissen kann ich deshalb sagen: Das ist ein Neoprogalbum mit der Prämisse „no fillers, only killers“.

68) Brave – Marillion

Apropos „Neoprog“ – zu Marillion muss ich in der Community wirklich nicht viel Worte verlieren. Ich bin ein glühender Verfechter der Hogarth-Ära, und Brave ist der mutigste und intensivste Silberling, das Produkt einer insgesamt schwierigen Phase für die Band. Das Album wirkt mit seinen bedrohlichen Zwischentönen wie der Abschied von einer Ära, die endgültig ein Ende gefunden hat.

67) The Noble Search – The Firstborn

Die Portugiesen sind das absolute Geheimding: Verwinkelter Progressive-Metal, dessen Pendel mal in Richgung Black- und Doommetal, dann wieder in Richtung fernöstlich angehauchten Ethnoklängen ausschlägt. Es wird gegrowlt, in buddhistischen Philosophien gegraben und metallisch herumgesägt. The Noble Search ist ein schön zäher Brocken, der durch die Dynamik und die Transparenz im Soundgewand nie überladen wirkt. Hach ja… hab‘ ich schon über die Drums und die Gitarren geschwärmt? Und die seltsamen Lyrics?

66) El Cielo – Dredg

Dredg waren mal richtig groß im Indiegeschäft. Ihr Verdienst war die Hybridisierung von eher einfachem Gitarrenrock mit konzeptionellem Anspruch. So ist El Cielo als Gesamtwerk um das Thema der Schlafstarre herum konstruiert. Dredg driften regelmäßig in zurückhaltenden Bombast, der den vielen Hymnen erst das Schwebende verleiht. Dazwischen reihen sich verspielte Intermezzi, instrumentale Wege abseits des Pfads, Wegpunkte auf der Reise ins Ungewisse. Das hier ist in keinster Weise nur ein einfaches Wegwerf-Indierock-Album.

65) Vertikal – Cult of Luna

Ich habe den legendären Stummfilm „Metropolis“ noch nie gesehen. Aber ich werde es wohl nachholen müssen. Cult of Luna besinnen sich auf Vertikal auf eben jenes cineastische Meistwerk und zeichnen in ähnlich abstrakten Bildern das Szenario einer entmenschlichten, entsättigten Dystopie. Tonnenschwere Riffs walzen sich, umgarnt von spacigen Synthiefanfaren, durch labyrinthische Konstrukte. Im Grunde zermalmen damit Cult of Luna 95 % aller sogenannten Postrock-Bubi-wir-können-auch-Gitarren-spielen-Bands.

64) Hemispheres – Rush

Ich habe eines gemütlichen Abends (zurückgezogen in das Plattenzimmer meines Dads, mein Zimmer war soeben neu gestrichen worden) genau diese LP aufgelegt; aus Neugier. Man hatte mir auf den Babyblauen Seiten erklärt, die Jungs hätten den Progmetal quasi „erfunden“. Was mir dann bei den Songs „Circumstances“ und „La Villa Strangiato“ prompt einleuchtete. VERDAMMT! Diese Gitarren, dieser subtile Einfluss britischer Progbands mit stärkerer Rock-Schlagseite: Super, endlich mal Prog, der die Beine hochlegt und den Kids mit einer einfachen Fingerübung und ohne grimmiger Miene zeigt, wie der Hase läuft.

63) A Rush of Blood to the Head – Coldplay

Coldplay waren die Band meiner Generation. Als sie noch nicht dem flachzahnigen Hitparaden-Pop fröhnten, machten Coldplay tatsächlich exzellenten, eleganten Hochglanz-Britpop-rock. Das Klangbild hat Volumen ohne zu krachen, und unterlegt die Songs mit piano- und keyboardgeschwängerter Melancholie. An Nummern wie „Politik“, „The Scientist“ und „Clocks“ hängt mein Herz. Für alle oberlippensteifen Progger: Hört mal in „A Whisper“ und „Amsterdam“ rein. Und dann reden wir weiter…

62) Dead Heart in a Dead World – Nevermore

Niemand hat wirklich gewusst, wie man denn nun mit Nevermore verfahren müsste. Irgendwie thrashig, irgendwie pathetisch, auch ein bisschen Gothic und dazwischen ein bisschen Prog-Dekadenz: Scheißegal, dieses Album ist der Irrsinn! Vor allem wenn man einen Zauberer wie Jeff Loomis an Bord hat und sich das Kraftmeierische der einen, und den Anspruch und die Tiefe der anderen Seite ins Repertoire holt. Nahezu makelloser Metal ohne wenn und aber.

61) Emehntehtt-Ré – Magma

Als ich eines Tages alles, was ich bisher über Musik gelernt hatte, von mir ablöste und eine rissige, trockene Landschaft blieb, sickerten Magma wie frisches Wasser in die Furchen und spendeten dem Boden neues Leben. Es ist eine Geschichte von Vergessen und Ekstase, von Bauchgefühlen und Mystizismus. Denn nur so können die Begründer des Zeuhls verstanden werden: Es ist nicht nur eine Performance, es ist ein Ritual einer fremden Welt. Und Emehntehtt-Ré ist einer von vielen neuen Horizonten, die sich mir erschlossen haben.

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