Die besten 110 Alben aller Zeiten: Plätze 60-51

…wenn’s nach mir geht.

Eine musikalische Liste von Benjamin Feiner.

Was über viele Wochen dem [progrock-dt]-Forum auf Facebook häppchenweise vor die Füße geworfen wurde, gibt es nun endlich als neu aufgelegten Director’s Cut in einer brillanten Super-HD-Surround-Sound-3D-Remaster-Version – inklusive Poster, Schal und Murmel: die subjektivste Liste seit es Progressive Rock gibt.

Zu den Plätzen 80-61 gehts hier lang…

…und weiter mit den Plätzen 50-41 hier.

Viel Spaß!

TEIL III

Plätze 60–51

60) US – Peter Gabriel

Lange bevor ich überhaupt Fuß im Prog fassen konnte, war ich ein begeisterter Hörer von Folk, Blues (ein bisschen Bob Dylan, ein bisschen Blues Brother-Soundtrack) und nicht zuletzt Peter Gabriel. US, das Album mit dem pseudo-spirituellen Cover, fesselte mich dabei schon als Kind. Warmer, rhythmischer Ethno-Pop, dazwischen Funken von „schräger Musik“ (was sich später als dezente Prog-Einflüsse herausstellen sollte) – ein Album, das meine unerfahrenen Ohren, noch vor Genesis und Yes, an künstlerisch ambitionierte Musik heranführte.

(Dazu muss man übrigens sagen, dass ich es bei einem so universellen Künstler wie Peter Gabriel schwer finde, einzelne Alben für eine Top-Liste herauszupicken. Aber wer weiß, vielleicht gibt es ja eines Tages dafür eine neue, andere Top-20-Liste… ?)

59) Through Silver in Blood – Neurosis

Es ist schwer, dieses Album in einem Durchgang zu ertragen. Die amerikanische Band Neurosis verlässt hier endgültig den heißblütigen Hardcore-Sektor und verwandelt sich in eine eiskalte Bestie, die uns aus leeren Augen anstarrt. Through Silver in Blood öffnet das Tor zur Hölle und wälzt sich durch quälend zähe Songs hin zur bodenlosen Depression. Dieses Album ist die Blaupause für unzählige Postmetal-Imitate (aber auch für mutige Weiterdenker wie Isis oder Cult of Luna). Krass und unbarmherzig.

58) Of Natural History – Sleepytime Gorilla Museum

Hat jemand „krass“ und „unbarmherzig“ gesagt? Darf ich vorstellen: Der fröhliche Clown, dessen Gesicht man mit einem Staubsauger heruntergezogen hat, sodass der blanke Schädel zum Vorschein kommt. Kein schöner Anblick. Und ein hässlicher Unfall. Nicht, wenn wir den freundlichen, eselsköpfigen Menschenfeind fragen – der findet’s eher lustig. Der Unabomber findet’s tragisch. Denn er predigt das Ende der Menschheit in seinem Rausch; und in seinem Gehirn tanzen Zikaden den Totentanz. Das Museum hat geschlossen. Es verweigert jede Deutung, jeden Versuch, verstanden zu werden. Nur draußen im Foyer spielt schon seit Jahren ein Album in Dauerschleife: …

57) White Pony – Deftones

Es gibt selten so stilvollen Alternative Metal, wie ihn Deftones schon seit Jahrzehnten konsequent verfolgen. White Pony ist der Beweis dafür: Aufpolierte, druckvolle Gitarren malen diffuse Stimmungen wie nach einer schlaflosen Nacht, mit Chino Morenos melodischen Seufzern werden sie schließlich zu subtilen Widerhaken. White Pony ist zu gleichen Anteilen der fiebrige Traum eines verheulten Teenagers im Weltschmerz und die genaue Austarierung treibender Power mit präzisem Songwriting.

56) To Pimp a Butterfly – Kendrick Lamar

Ich bin ehrlich: Ich habe keine Ahnung von Hip-Hop. Vor allem aber davon, wie fantastisch und intelligent er sein kann. Kendrick Lamars To Pimp a Butterfly war mein Album 2015, sogar noch vor der Popcorn-Progoper Coma Ecliptic von Between the Buried and Me. Lamars dritte LP war der verdiente Preise-Abräumer, wie er von den Medien angepriesen wurde. Ambivalente Lyrics über Identität und Rasse, über Selbstliebe und -hass, untermalt von breitflächigen, wahnsinnig detaillierten Samples und Instrumentals. Jazz, Soul und Funk, gleichzeitig sommerlich erfrischend, zeitlos und genresprengend: Ein uneingeschränkter Tipp für alle Musikliebhaber.

55) Angel Dust – Faith no More

Warum muss ich eigentlich immer jedem erklären, warum Angel Dust eine so gute Scheibe ist? Das Ding ist eine wahre Wundertüte! All die musikalischen Bonbons und „Guterl“ (wie wir in Bayern so schön sagen)! Sarkastische Lyrics, die sich um die Schizophrenie des anbrechenden Jahrtausends drehen; Scientologen-Gehirnwäsche, Koffeinmissbrauch, White-Trash-Gerülpse und Cheerleader, die einen zu gewalttätigen Ausbrüchen animieren. Welche Zweifel gibt es da noch? Eben. Faith No More waren schon immer die Freaks im Alternative Rock, aber auf Angel Dust wird das Bizarro-Pedal wirklich ohne Unterbrechung durchgedrückt.

54) Ghost Reveries – Opeth

Opeth waren meine Einstiegsdroge für heruntergestimmte Gitarren und Growling! Es gibt darüber hinaus einige gute Gründe für die Popularität der Schweden, auch über die Metalszene hinaus: Mikael Akerfeldts inneres Archiv steckt voller obskurer Musik, logisch, dass da der Death Metal lediglich zu einem von vielen Ausdrucksmitteln wird, um die überlangen Songs mit der nötigen Dramaturgie auszustatten. So werden „Ghost of Perdition“, „Baying of the Hounds“ oder „Harlequin Forest“ zur Gothic-Horror-Episodengeschichte, geschwängert von der Opeth-eigenen schwarzen Romantik. Inzwischen eigentlich Kult.

53) Mark Hollis – Mark Hollis

Meine Freundin steht normalerweise auf eine bunte Mischung aus David Bowie, Dido und Reggea. Umso überraschter war ich, als sie sich sehr positiv über das einzige Soloalbum des ehemaligen Talk Talk-Sängers Mark Hollis äußerte. Es habe etwas Jazziges, ohne Aufdringlich zu sein. Eigentlich eine wunderbar simple Zusammenfassung. Totale Reduktion auf akustische Instrumente, und Melodien, die erst durch Auslassung von Tönen hervortreten. Mark Hollis‘ Soloalbum ist ein Ruhepol, der ohne Epochen und Definitionen auskommt; ein offenes, ein besinnliches Werk ohne jeden esoterischen Kitsch.

52) Thick as a Brick – Jethro Tull

Im Vergleich zu den anderen Größen des klassischen Prog kommt Jethro Tull immer ein bisschen daher wie der grinsende Penner ohne Zähne und mit verfilzten Haare, der ungefragt seine Gitarre auspackt und in überraschend komplexen Binnenreimen Lieder über seinen unerträglichen Gestank trällert. Thick as a Brick ist im Grunde die ironische Brechung einer Musik, zu der Ian Anderson immer schon ein ambivalentes Verhältnis gehabt hat, sowie eine herzhafte Abrechnung mit der englischen Oberschicht und Bildungselite aus der Sicht eines weisen Narren. Selbst mehr als vierzig Jahre danach verspricht das einleitende Riff der A-Seite immer noch einen Heidenspaß!

51) Coyote – Kayo Dot

Kayo Dot faszinieren mit ihrer Kompromisslosigkeit immer wieder aufs Neue. Auf Coyote reduzieren Toby Driver und seine Band das bisherige Postrock-Register auf ein Skelett. Was bleibt, ist eine kahle Klanglandschaft – die Geschichte der im Sterben liegenden Freundin, der Driver das Album gewidmet hat. Entsprechendes sollte man erwarten: Schlagzeug, Bass und Leadinstrumente zerfallen in einzelne Spuren, geraten regelmäßig aus dem Takt; Melodien zerrinnen zu kakophonischen Pfützen. Darüber schreit und fleht Toby Driver in erschreckend überzeugenden Schmerzen. Die ganze Band versucht, sich aus der Dunkelheit zu retten, fällt aber mit jedem Mal nur tiefer in die Agonie, an dessen Ende es nur eines geben kann: Akzeptanz.

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