2016 in music, die Favoriten der Redaktion: Arnes Top-30-Liste

Nach uralter, seit Generationen überlieferter [progrock-dt] Tradition werden am letzten Tag des Jahres die Listen mit den besten Alben des Jahres am Lagerfeuer unter Proggern weitergereicht. Doch wir schreiben mittlerweile das Jahr 2016, das Lagerfeuer wurde durch ein modernes Blog ersetzt und so erscheint sie heute hier:

Meine Liste der Alben des Jahres 2016. Mehr oder weniger willkürlich beschränkt auf 30 Stück und – bis auf die TOP 3 – mehr oder weniger willkürlich in der Reihenfolge, dafür aber mehr oder weniger thematisch sortiert.

Ich wünsche allen Proggern und Nicht-Proggern ein friedliches, musikreiches, erfolgreiches, abwechslungsreiches, sinnerfülltes, sorgenfreies und glückliches Jahr 2016… äh… 2017.

TOP 3

– Hypno5e
Shores of the Abstract Line

Dass dieses Album mein absolutes Nummer 1 Album des Jahres sein würde, da war ich mir schon recht früh sicher. Dabei entspricht es zunächst überhaupt nicht meinem Hörklischee: Die Vocals sind aggressiv – es wird geschrien, ein bis dato absolutes No-Go für mich. Diese Scheibe hat das geändert: Irgendwie stimmt hier alles, selbst das aggressive „Geschreie“. Sicherlich trägt die technische Perfektion, mit der die Musik vorgetragen wird, viel zur Gesamtwirkung bei – aber es ist nicht alleine eine beeindruckende technische Darbietung, das Album lebt auch von seiner ungeheuren Dynamik. In atemberaubendem Tempo wechseln sich wunderschöne Passagen mit Fragmenten druckvoller Brachialgewalt ab. Nach der einstündigen Druckbetankung durch dieses Album kann man schonmal richtig erschöpft sein – das schafft wohl kein anderes Album dieses Jahr.

– öOoOoOoOoOo
Samen

Die Nummer 2 dieses Jahr ist eine echte Wundertüte: Der beschwingte Start wird gleich durch Dancefloor-Rhytmen abgelöst, wenige Sekunden später mit Metal-Riffs zerstört, nach einem kurzen Schwenk mit Chorgesang und Streichern gehts zurück auf den Dancefloor – und von dort weiter zum Black-Metal mit gegrowle, bedrohlich düsteren Gegrolle und Geraune und dann rüber zum beschwingt-chaotischen Finale, bei dem alles noch einmal in einen Topf geworfen wird. Und das war bis hier hin nur der erste Song auf der Scheibe! Es folgen nicht wenige Ausflüge in Hip-Hop-Gefilde (!), weibliche Gesangsperformance, weibliches Gegrowle (!), schmutzige, fast schon punkige Riffs, alles verbunden mit hartem Metal und vielen gar tanzbaren Rhythmen, schnellen Breakbeats und weiß der Geier was. Und dennoch passt alles perfekt zusammen. Eine Wahnsinnsscheibe!

– The Dear Hunter
Act V: Hymns With the Devil in Confessional

In erster Linie ist es wohl der wunderschöne Gesang, der den Dear Hunter auf Platz 3 katapultiert. Aber das ganze Album insgesamt ist abwechslungsreich, spannend, entspannend – und grandios umgesetzt. The Dear Hunter habe ich immer irgendwie am Rande Links liegen lassen. Was für ein Fehler (den ich bis heute nicht mal korrigiert habe – das hebe ich mir für das nächste Jahr auf ^_^ ).

Proggiges & Krautiges

– BOL & Snah
So? Now?

Zwar nicht wirklich Prog oder Krautig, eher Jazzig aber dann auch wieder avantgardistisch krachend – da ich eh keine richtige Kategorie für „So? Now?“ habe, kommt es halt hier unter. Es ist eines der ganz wenigen Alben, bei denen ich gleich beim ersten Hören Gänsehaut bekommen habe. Wunderbare Kompositionen (und Gesang) von Tone Åse überwiegend zu Gedichten eines norwegischen Lyrikers werden von Keyboarder Ståle Storløkken, Motorpsycho Gitarrist Hans (Snah) Magnus Ryan und dem Schlagzeuger Tor Haugerud zu fantastischen Klanggemälden verwoben. Ein durchweg spannendes und emotionales Album.

– Mothertongue
Unsongs

Brit-Pop-Jazz-Prog-Rock

Auch wieder nicht wirklich Prog, dafür unglaublich spaßig, wunderbar abwechslungsreich – gesungen im leicht ordinären „Estuary English“ Zungenschlag.

– Motorpsycho
Here Be Monsters

Das leider letzte Motorpsycho-Album mit Kenneth Kapstad an den Drums – aber die beiden Urgesteine Bent und Hans nehmen es wohl sportlich und freuen sich schon über die neuen Möglichkeiten, in wechselnder Besetzung zu spielen – ich bin gespannt! Here Be Monsters ist auf jeden Fall ein würdevoller Abschluss dieser Band-Episode.

– a noend of mine (*)
The Serenty’s Eve

Wenn es eine Genre „Porcupine-Tree like Prog“ gibt, dann gehört das hier für mich sicherlich dazu – und das ist gar kein schlechtes Label, finde ich.

– Gravitysays_i
Quantum Unknown

Mit jedem Durchlauf gibt es hier mehr zu entdecken. Die sehr gekonnt eingesetzten Anleihen an traditionelle griechische Musik (die Combo kommt aus Griechenland) und der Einsatz traditioneller Instrumente etwa. An anderer Stelle fühlt man sich fast an 80er oder 90er Jahre Elektropop-Bands erinnert. Nicht nur durch den markanten Gesang eine ungewöhnliche Scheibe und bei mir auch eine sehr oft gehörte.

– Gong
Rejoice! I’m Dead!

Sehr spaßiges, sehr sinnliches, sehr spaciges Album. Eine wunderbare Verbeugung vor dem verstorbenen Daevid Allen, sein Geist schaut bestimmt voller Freude auf dieses Werk.

– Sherpa (*)
Tanzlinde

Kurz vor Toresschluss schafft es doch noch ein Album in meine „Liste der Scheiben des Jahres“. Eine wunderschöne Scheibe mit kräftigem 70er-Jahre Hippie Charme und endlich mal so richtig psychedelisch.

– Mother Turtle (*)
II

Dieses Album hat mich wirklich überrascht – bei Bandcamp hört man ja oft in eine ganze Reihe von Alben am Stück rein und versucht abzuwägen, was jetzt noch für eine ausführlichere Beschäftigung taugt und was man besser lässt – die meisten Alben brauchen schließlich 2-3 Durchläufe bis sie wirklich zünden. Hier war irgendwie ganz schnell klar: Das ist was richtig feines – und dabei bin ich gar kein Retro-Progger. Ein wunderschönes Album, super arrangiert und interessant instrumentiert. Eines der wenigen Alben, bei dem ich auch den Gesang von Anfang an angenehm und schön finde – und trotz dem Etikett Retro-Prog das ich hier anklebe klingt es kein bisschen angestaubt.

Prog/Black/Death-Metal

– Colorless
Silent Gods

Kommt nicht so oft vor, dass mir ein Progmetal-Album gefällt, aber dieses hier tut es irgendwie. Solide gemachtes Album, bisschen djentelig.

– SALQIU (*)
To Whom It Serves the Triumphant Destiny

Spontan gekauft und dann beim ersten Mal hören für einen Fehlkauf gehalten (die seuselnde „Geisterstimme“ war mir zu penetrant). Dann doch nochmal ’ne Chance gegeben und da fand ich das ganze deutlich besser – die eigentliche Musik ist nämlich durchaus interessant, spannend und experimentierfreudig inszeniert. Atmosphärischer Black Metal erweitert um klassische Instrumente wie Violine, Saxophon, Klarinette und Flöte. Mein Einstieg in Death Metal dieses Jahr und schon dafür etwas besonderes.

Postrock, Shoegaze etc.

– Wang Wen
Sweet Home, Go

Progrock aus China, ganz ohne „Chinaman“-Klänge. Das beste Postrock-Album in diesem Jahr.
– Show Me A Dinosaur
Show Me A Dinosaur

Super, etwas härterer Post-Rock aus Russland. Auch wenn es schon eher ein „normaler“ Vertreter des Shoegazing-Postrock ist, finde ich dieses Album sehr gelungen habe es dieses Jahr immer wieder mal gehört.

– Long Distance Calling
Trips

Post-Rock / New Artrock

Beginnt wie ein 80er Jahre Reminiszenz-Album, aber dann geht die Post (-Rock) ab! Lief bei mir viel öfter als die Alben der anderen Großen wie Haken oder Opeth.

– Monkey3
Astra Symmetry

Eigentlich stand an dieser Stelle das einzigartige und sehr empfehlenswerte „Erudite Stoner“ Album, aber das ist (ganz knapp) noch von 2015. Das Stoner-Rock Album Astra Symmetry ist allerdings ein würdiger Vertreter und hätte so oder so auch einen eigenen Platz in dieser Liste verdient.

– Ulver
ATGCLVLSSCAP

Größtenteils eher ambient-mäßiger Drone-Rock. Schlägt für mich in eine ähnliche Kerbe wie das (u.a. von der Eclipsed) hochgelobte Mogwai-Album „Atomic“, aber Ulver liefern hier für mich den spannenderen Auftritt ab.

JAZZ & co

– Yojo (*)
Abduction

Stark groovend, tolle Melodien und tolle Instrumentierung. Das russische Jazz-Quintett Yojo wird hier von einer ganzen Reihe an Gast-Saxophonisten unterstützt. Schwelgerische Passagen werden immer wieder abgelöst durch treibende Rhythmen und wilde Jazz-Ausbrüche.

– Jazzpospolita
Made in China

Überaus spielfreudiges und spannendes Live-Jazzrock Album der Jazzrocker aus Polen. Durch die Bank sehr stark!

– GoGo Penguin
Man Made Object

Die Pinguine sind zur Zeit sicherlich eines der stärksten Jazz-Trios, trotzdem habe ich gezögert, das aktuelle Album in meine Jahresliste aufzunehmen – denn im Vergleich zu den Vorgängern finde ich hier keine wirkliche Weiterentwicklung. Trotzdem ist es für sich genommen ein außerordentlich gutes Jazz-Album – und auch Live war die Combo dieses Jahr ein berauschendes Erlebnis.

– Tess Said So
Scramble + Fate

Instrumentalalbum mit schöner Dynamik, von minimalistisch bis jazzig-poppig. Recht ungewöhnlich und nur für bestimmte Stimmungslagen geeignet, aber dann sehr spannend.

Mathrock und Gefrickel

 

– Hashshashin
nihsahshsaH

Geniales Mathrock Album mit orientalischem / asiatischem Flair. Über teilen kommt eine Bouzouki als Leitinstrument zum Einsatz und das hört sich einfach klasse an!

– Bovidae
Bovidae

Instrumental-Biest von einem Drum-Gitarre-Piano/Keys-Trio. Härtere Rock-Passagen mischen sich mit einem oft sehr klassisch gespieltem Piano. Ergebnis: Grandios.

– Kylver
The Island

Gitarren-Instrumental Mukke mit starkem Synthie-Einschlag. Laut Bandcamp-Seite ein Konzeptalbum gar – auch wenn ich beim Hören an alles mögliche gedacht hätte, nur nicht an die beschriebene Geschichte zur Musik… Trotzdem ein tolles instrumental-Album.

Avantgardistisch & Experimentierfreudig

– Virus
Memento Collider

Dark Avantgarde Metal

Wie Aluk Todolo, nur mit Text. Dunkel und verstörend. Grandios!

– Oranssi Pazuzu
Värähtelijä

Psychedelic Black Ambient Metal. Sehr dunkel und verstörend.

– Rïcïnn
Lïan

Auch sehr dunkles aber auch sehr schönes neo-klassisches Album. Anspieltipp: Little Bird.

– Pryapisme (*)
Repump the pectine

Wenn man Katzen, allerhand Musikstile, eine Extraprise Powermetal, Retro-Chiptunes und eine große Portion französischen Wahnsinn in einen Topf wirft, dann muss wohl entweder ein ganz fürchterlicher Brei rauskommen — oder ein so fantastisch abgedrehtes Album wie das „Repump the pectine“.

– Gianni Venturi / Lucien Moreau (*)
MOLOCH

Der verstörende Soundtrack zu der seltsamen Zeit, in der wir Leben – ich glaube so oder so ähnlich hat der Sal das Album beschrieben. Und genau das trifft es sehr gut, finde ich. Auch wenn die Texte auf Italienisch sind (und meine diesbezüglichen Sprachkenntnisse kaum über das Lesen der Weinkarte hinausgehen) und die Texte sich auch nicht praktikabel mit Google & Co. übersetzen lassen hat man dennoch ein Gefühl von dem, was das Album vermitteln will. Sicher ein recht einzigartiges Album.

Spotify Playliste: (Mit * markierte Alben sind nicht bei Spotify und können nur über Bandcamp angehört werden)