Über den Tellerrand gehört – 01/2017

Prog? Das ist doch diese Musikrichtung, in die man bestimmte Musik bis Ende der 70er Jahre noch halbwegs treffsicher einordnen kann. Seitdem jeder Amateurmusiker sein Werk im Alleingang produzieren und auf Plattformen wie Bandcamp vertreiben kann ist eine solche Zuordnung deutlich schwieriger geworden: An jedem zweiten Album klebt das virtuelle „progressive“-Etikett dran, meistens verbunden mit einer langen Aufzählung an sonstigen, sich widersprechenden Genre-Bezeichnungen.

Bandcamp LogoEiner Art Bandcamp-Trüffelschwein gleich durchwühle ich regelmäßig den riesigen – und stetig wachsenden – Fundus dieser Plattform um aus diesem Wust die – zumindest für mich – spannendste Musik hervorzugraben, wobei oben genannte Genre-Etiketten, die dort jedem Album verpasst werden, allenfalls noch der groben Orientierung dienen. Das Ergebnis ist regelmäßig eine Liste von Alben, die so ziemlich jedem Genre zuzuordnen sind – außer „Prog“.

Für alle Proggerinnen und Progger mit offenen Ohren für genreüberschreitende Musik werde ich diese Liste fortan an jedem letzten Sonntag im Monat hier im Blog veröffentlichen, versehen mit ein paar warmen Worten – und eigenen, mitunter selbst erfundenen Genre-Etiketten.

So folgt hier also die erste „Über den Tellerrand gehört“-Liste:

Pray for Sound – Everything Is Beautiful

Melodic Postrock

http://music.prayforsound.com/album/everything-is-beautiful

Am Anfang ist alles wunderschön: Everything is Beautiful, ein Album mit – für Postrock Verhältnisse – recht kurz gehaltenen Songs, doch diese verschmelzen zu einer immerhin über 55 Minuten langen musikalischen Reise.

„Everything is Beautiful“ ist eine wunderbare Einleitung für diese kleine Musik-Sammlung und ein passendes Motto, da aus der richtigen Perspektive betrachtet alles schön ist – oder zumindest schön sein kann: das Traurige und das Fröhliche, das Harsche und das Zarte, das Verschrobene und das Geordnete, das Dunkle und das Helle.

Everything is Beautiful, „ein dichonisches Konzept von Licht gegen Dunkelheit“ wie die Band ihr Werk selber beschreibt, transportiert diese Gegensätze höchst subtil, sowohl musikalisch als auch in den tiefgründigen Songtiteln. Obwohl unbestreitbar reinrassiger Postrock, widersetzen sich die Musikstücke dem Klischeekonzept – bei dem sich die Lieder vom schleppenden Start bis zum orgiastischen Finale emporschrauben – sondern sie folgen ihrem eigenen Rhythmus.

Dan Phelps – Arc

Experimental Ambient Jazz

https://oceanographicrecords.bandcamp.com/album/arc

Dass der in Seattle beheimatete Multi-Instrumentalist und Produzent Dan Phelps aus einem musikalischen Elternhaus stammt, merkt man seinem neustem (und ersten „richtig“ eigenem) Album Arc an: Die musikalische Bandbreite ist riesig und die Kompositionen wie auch die Zusammenstellung recht einzigartig.

Das Album entstand aus Aufnahmesessions, die Phelps zusammen mit den Schlagzeugern Jim Keltner und James McAlister unternommen hat. Jim Keltner ist dabei ein echtes Urgestein in der Session-Drummer Szene – spielte er doch schon als Studio-Musiker für Elvis (ja, der Elvis), Eric Clapton, John Lennon, den Stones und sonst allem, was Rang und Namen hat. Und auch McAlister ist kein unbeschriebenes Blatt: So arbeitete er unter anderem mit Sufjan Stevens zusammen.

Die Aufnahmen aus diesen Sessions wurden später von Phelps nachbearbeitet und mit Gastmusikern um weitere Spuren ergänzt: Bass, Tasteninstrumente, Posaune, ein weiterer Schlagzeuger sowie ein Streicher-Oktett unterstützen Phelps Gitarrenspiel. Vieles auf dem Album ist überraschend locker und beschwingt, doch den Abschluss liefert mit „Float“ ein recht melancholisch klingendes Ambient-Stück, welches dadurch eine hervorragende Überleitung zum nächsten Album liefert.

Darkher – Realms

Dark Folk Metal

https://darkher-uk.bandcamp.com/album/realms

„Nur wenn es dunkel genug ist, kannst Du die Sterne sehen“, so lautet (übersetzt) einer der Songtitel der oben genannten Everything is Beautiful. Wer sich bis jetzt noch nicht so richtig etwas darunter vorstellen konnte, der wird durch dieses Album geläutert: Es ist mit Abstand das düsterste und ergreifendste, das ich seit langem gehört habe – und gleichzeitig mit das Schönste.

Darkher ist ein Projekt der britischen Singer-Songwriterin Jayn H. Wissenberg. Der Sound bewegt sich vorwiegend zwischen Dark Ambient und akustischem Postrock. Nur gezielt nimmt die Musik etwas Fahrt auf und schleppender, manchmal auch treibender Doom Metal kommt durch. Über allem schwebt Wissenbergs mystische, transzendente Stimme, distanziert und ungreifbar, aber trotzdem ergreifend.

Realms ist ein traumhaftes Album voller Emotionen, von Verlust, Trauer, Verzweiflung – und Hoffnung, Neuanfang, Hinter-sich-lassen. Mit Foregone enthält das Album ein Lied für die Ewigkeit. Hach, Melancholie ist etwas Wunderbares!

Rotting Christ – Rituals

Black Metal / Doom

https://rottingchrist.bandcamp.com/album/rituals

So. Genug der Gefühlsduselei. Jetzt braucht es etwas Bodenständiges, um die Synapsen wieder freizupusten. Rotting Christ liefern hier mit dem archaischen Rituals zuverlässig: Gleich der Opener treibt mit stampfenden Bässen, knallharten Riffs und hymnischem Gesang die von Realms vielleicht noch zurückgebliebenen Geister aus.

Der hypnotische Rhythmus der Songs und Chorgesang formen den rituellen Charakter des Albums während die krachenden Gitarren unmissverständlich klar machen, dass hier keine Kirchenmusik zu erwarten ist. Für nicht ganz so große Fans des growlenden Black Metals – wie mich – sehr erfreulich sind die Vocals, die zwar weit entfernt davon sind, als clean bezeichnet werden zu können, aber stets noch menschlich und zugänglich bleiben.

Terra Tenebrosa – The Reverses

Avantgarde Hardcore Post-Everything

https://dmp666.bandcamp.com/album/the-reverses

Rituals schließt mit den apokalyptischen Reitern – das trifft sich gut, denn das nächste Album in der Liste legt noch einmal eine Schippe an Härte und Untergangsstimmung oben drauf. Nach allen Maßstäben, die man an so ein Album anlegen könnte, ist The Reverses der schwedischen Truppe TERRA TENEBROSA der pure Horror. (In der Eigenschreibung, anders als in der Überschrift hier, schreiben Sie selbst gerne in Majuskeln: , Anm. d. Red.). Nach dem zwar düsteren, aber noch recht harmlosen Start mit einem kurzen Industrial-Noise Stück bricht über den Hörer eine Klanghölle herein, deren Riff-Tsunami, Schlagzeug-Gewitter und Bassgedröhne erst einmal alles beiseite räumt, was sich an vermeintlicher Schönheit und Hoffnung noch aus den vorhergehenden Alben bewahrt hat.

The Reverses zum ersten Mal zu hören ist eine echte Herausforderung und mehr als einmal habe ich mich dabei gefragt, warum ich mir das eigentlich antue. Ich könnte in dieser Zeit ja schließlich auch das eine oder andere seicht-schmeichelnde Postrock-Stück hören. Doch das Durchhalten lohnt sich: Hat man die erste Stampede an apokalyptischem Gedonner hinter sich gebracht, erkennt man hinter den rauchenden Trümmern, die diese Musik von der Welt noch übrig lässt, Klanggebilde, die man so in keiner anderen Stilrichtung finden wird. Die Fratze, die der entmenschlichte Gesang zeichnet, bekommt auf einmal erstaunlich interessante Züge; Schicht für Schicht entdeckt man in den aufgetürmten Klangtrümmern zwar abgründige, aber eben auch immer neue und interessante Elemente.

Hannah vs. The Many – Cinemascope

https://hannahvsthemany.bandcamp.com/album/cinemascope-2

Eigentlich sollte an dieser Stelle Schluss sein. TERRA TENEBROSA haben mit ihrem Gewitter die von den vorhergehenden Alben mühevoll aufgebaute Klangwelt zum Einsturz gebracht, die rauchenden Ruinen liegen dunkel unter dem feuerroten Firmament – der Vorhang fällt.

Doch wie in einem Film ohne Happy-End, ist ein solcher Abschluss unbefriedigend. Zumindest ein Funken Fröhlichkeit sollte am Ende noch übrig bleiben, selbst wenn – getreu dem Motto dieses Beitrags – auch der Apokalypse noch eine Schönheit innewohnt.

Also bildet jetzt (vor dem Bonus) ein „Punk Rock Cabaret Singer-Songwriter“ Album den Abschluss – so die beschreibenden Tags auf Bandcamp. Tatsächlich bewegt sich die Musik eher irgendwo zwischen Artrock, Garage Rock – und ja, vielleicht auch ein wenig Punk. Auf jeden Fall sind die intimen Arrangements ziemlich eigenwillig, mitunter humorvoll und hintergründig. Meine Einstellung zu diesem Album ist zwar recht gespalten – mal gefällt es mir gar nicht, beim nächsten Hören finde ich es wieder ganz gut – aber das Konzept des Albums passt hervorragend zu einem Abspann zum Kopfkino dieser Albenliste, und das nicht nur, weil der letzte Song des Albums „Kopfkino“ heißt (ich liebe deutsche Worte in der englischen Sprache): inspiriert wurden die Songs des Albums von Kinofilmen der unterschiedlichsten Epochen.

„Name-Your-Price Bonus“

El Tubo Elástico – El Tubo Elástico

Instrumental Progrock

https://eltuboelastico.bandcamp.com/releases

Bereits aus dem Jahr 2015 stammt dieses Instrumental-Album aus Progrock mit Jazzeinflüssen. Da wir nicht dauernd den Regenbögen für irgendwelche Goldtöpfe hinterherrennen können, habe ich mir vorgenommen, kommende Listen mit „Name-Your-Price“ Alben zu schließen – und dieses ist das Erste davon.

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