Über den Tellerrand gehört 02/2017

Teil zwei meiner genreüberschreitenden „Über den Tellerrand gehört“-Reihe und schon wird es unerwartet emotional: Während das Ableben diverser gealterter Musikgrößen mich noch recht kalt lässt, so ist halt der natürliche Lauf der Dinge, hat mich die Nachricht vom unerwarteten Tod unseres musikalischen Mitstreiters und Freundes Thomas Kohlruß sehr betroffen gemacht. In unserem Babyblaue-Seiten- und [progrock-dt]-Mikrokosmos hinterlässt er eine kaum zu füllende Lücke, auch wenn dies nur eine Nichtigkeit im Vergleich zu dem Verlust ist, den seine geliebte Familie erleiden muss.

Sein Facebook Konto wurde mittlerweile deaktiviert oder gelöscht und somit ist vieles von dem, was Thomas mit uns geteilt hat, gewollt oder ungewollt, verschwunden. Seine Diskussionsbeiträge sind ebenso im digitalen Nirvana verschwunden wie seine Freitags-Playlisten (eine Zusammenfassung der in der vergangenen Woche gehörten Alben mit kurzen Einführungen, Anm. d. Red.), die für mich stets eine ergiebige Quelle für neu zu entdeckende Musik waren.

In den Tagen nach Thomas‘ Tod war ich, im wahrsten Wortsinne, sprachlos. Da ich ihm überaus dankbar für die Zeit bin, während der ich seinen Rezensionen und Beiträgen folgen durfte und während der ich mich mit ihm austauschen durfte, ist es mir wichtig, ihm diesen Beitrag zu widmen. Es folgt also eine Sammlung von Musikalben, die ich auf die eine oder andere Weise mit Thomas verbinde und ich stelle mir dabei vor, dass er mit all unseren bereits von uns gegangenen Musikikonen auf einer Wolke sitzt und sich über einen göttlichen Internetzugang weiter mit der Musik beschäftigen kann, die wir alle so lieben.

Ben Levin Group – People

Art Folkrock

https://benlevingroup.bandcamp.com/album/people

Ben Levin, einigen besser bekannt als der Gitarrist der Gruppe Bent Knee, ist ein unglaublich vielseitiger Musiker, der sich offenbar mit seiner Ben Levin Group das Ziel gesetzt hat, möglichst viele Grenzen der Musik auszuloten. So zeichnet sich sein Album Freak Machine durch unbändigte Experimentierfreude aus und verlangt dem Hörer einiges ab – Thomas jedenfalls war begeistert, wie wir glücklicherweise noch in seiner Rezension auf den Babyblauen Seiten nachlesen können.

Das aktuelle Album von Ben Levin People ist von der ungezähmten Gewalt der Freak Machine wiederum weit entfernt, stattdessen wird hier Folkrock regelrecht zelebriert, allerdings natürlich in der Levin eigenen Form. Ein Großteil der musikalischen Beiträge werden von den bekannten Bent Knee Musikern beigesteuert: Den Gesang übernimmt zum größten Teil Levin selbst, oft begleitet von seiner Partnerin und Bent-Knee-Bassistin Jessica Kion, während deren Violinist Chris Baum wunderschöne Streichereinlagen einbringt. Doch damit hören die Gemeinsamkeiten mit den Knien auch schon auf, den Hörer erwartet ein sehr eigenständiges und sehr emotionales Album, das auch und gerade für diejenigen einige höchst interessante Passagen bereithält, die der Folkmusik nicht so nahe stehen.

People war das letzte Album, das Thomas auf Bandcamp erworben hat. Seine Meinung dazu, die mich sehr interessiert hätte, werden wir nun leider nicht mehr erfahren.

Blueneck – The Outpost

Alternative Postrock

https://blueneckuk.bandcamp.com/album/the-outpost

Ein weiteres „letztes Mal“ verbirgt sich hinter dem Album The Outpost: Zu diesem Album hat Thomas seine letzte Rezension auf den Babyblauen Seiten verfasst und zumindest für mich hat es ein bisschen etwas Tröstliches, dass seine Online-Musikbiografie wenigstens mit sehr außergewöhnlichen Alben ihren Abschluss fand. Denn um ein solches handelt es sich auch bei Bluenecks neustem Werk: ein unkonventionelles Postrock Album, das sich gar nicht nach Postrock anhört. Auch hier sollten also aufgeschlossene Progger, die dem Postrock-Genre eigentlich nicht so nahe stehen, durchaus mal ein Ohr riskieren. Alle weiteren Worte überlasse ich Thomas‘ Rezension.

Films – A Forbidden Garden

Neoklassik / Ambient

https://riccolabel.bandcamp.com/album/a-forbidden-garden

Besonders geschätzt habe ich natürlich den musikalischen Austausch mit Thomas, der am häufigsten über die nun leider gelöschten Freitags-Playlisten stattfand. Mit Thomas teilte ich unter anderem die Vorliebe für die Verwendung klassischer Instrumente in modernen Stilrichtungen, wie auch generell den Spaß am gekonnten Stilmix. Daher kam es des öfteren vor, dass ich beim Hören von bestimmten Alben sofort wusste: Das sollte ich mal dem Thomas nahelegen. So war es auch bei der bereits aus dem Jahr 2013 stammenden a forbidden garden des Japanischen Projekts films (Die Band schreibt Bandnamen und sämtliche Titel klein, Anm. d. Red.). Die Musik besteht aus einer eigentümlichen Mischung aus Neoklassik, Postrock und Ambient und wird über weite Strecken von weiblichen Gesängen und Vokaleinlagen in einer Fantasiesprache begleitet.

In jedem Fall schien diese Musik Thomas ebenso gut gefallen zu haben wie mir, denn das Album und auch die Nachfolgenden tauchten immer wieder mal in seinen Playlisten auf.

417.3 – _​(​-​_​-​)​_

Postrock

https://4173.bandcamp.com/album/-

Die Zeit für diese Art der Empfehlung ist vorbei, auch wenn ich wahrscheinlich noch recht lange hier und da bei einem Album denken werde: Das hätte Thomas sicher gefallen. Das habe ich mir auch bei _​(​-​_​-​)​_ von 417.3 (die Band verwendet für sämtliche Titel und Namen ausschließlich Ziffern und Zeichen, Anm. d. Red.) gedacht, das er, obwohl bereits sechs Jahre alt, ziemlich sicher nicht kennengelernt hat. Denn es ist ursprünglich nur im Eigenverlag auf CD erschienen und wurde wohl von der Band ausschließlich in Russland vertrieben. Seit ein paar Monaten konnte man das Album über einen von der Band in einem Kommentar auf ihrer Facebookseite geposteten Dropbox-Link herunterladen, was sicherlich nur den allerwenigsten aufgefallen sein dürfte. Doch glücklicherweise hat die Band das Album auf Nachfrage ihrer Bandcamp-Seite hinzugefügt, so dass ich es hier verlinken kann – und das sogar zum budgetschonenden „Name Your Price“!

Das Album hat es auf jeden Fall verdient gehört zu werden: Auch wenn ich das Postrock-Etikett aus der Selbstbeschreibung der Band übernommen habe erwartet einen hier alles andere als das übliche Shoegazing. Es dominiert ein sehr gefühlvoll gespieltes Cello zu überwiegend kristallklarer Gitarre und hervorragender Perkussionsarbeit. Ohne Zweifel ist das eine der für mich schönsten Entdeckungen der letzten Zeit.

Das gilt übrigens nicht nur für dieses eine Album sondern für die ganze Diskografie dieser Band. Auch wenn in späteren Veröffentlichungen das Cello (leider) nicht mehr zum Einsatz kommt hebt sich der Sound stets deutlich von bekannten Postrock Pfaden ab. Die Musik ist meist deutlich weniger schwermütig, ohne ins kitschig-heitere zu verfallen.

סאל חרדלי – סאל חרדלי

(Saal Hardali – Saal Hardali)
Avantgarde Rock

https://saalhardali.bandcamp.com/album/-

Für uns geht das Leben weiter. Thomas‘ Spuren auf Facebook sind bereits weitgehend verwischt und es liegt jetzt an uns, das Erbe zu bewahren und die entstandenen Lücken zu füllen. Als Abschluss (vor dem Bonus) für meinen vielleicht etwas sentimentalen Gedenkbeitrag habe ich mich daher für das selbstbetitelte Debüt der Tel-Aviver Band סאל חרדלי entschieden, das Thomas nicht mehr kennenlernen konnte, aber das er zumindest interessant gefunden hätte. Zudem wird es ihn sicherlich auf seiner Wolke hinter dem Progger-Regenbogen erheitern, dass der Google Übersetzer den hebräischen Bandnamen und Albumtitel mit „Sal Senf“ übersetzt…

„Name-Your-Price Bonus“

Sekta Denta – Mars Zero

Jazz Fusion

https://sektadenta.bandcamp.com/album/mars-zero

Aus Polen stammt diese furiose Liveaufnahme des Power-Trios Sekta Denta mit Bläserunterstützung. Mit etwas über 20 Minuten Länge ist Mars Zero ein wirklich rasantes Vergnügen.