Die besten 110 Alben aller Zeiten: Top Ten (Plätze 10-9)

…wenn’s nach mir geht.

Eine musikalische Liste von Benjamin Feiner.

Was über viele Wochen dem [progrock-dt]-Forum auf Facebook häppchenweise vor die Füße geworfen wurde, gibt es nun endlich als neu aufgelegten Director’s Cut in einer brillanten Super-HD-Surround-Sound-3D-Remaster-Version – inklusive Poster, Schal und Murmel: die subjektivste Liste seit es Progressive Rock gibt.

Zu den Plätzen 20-11 gehts hier lang…

…und weiter mit den Top Ten (Plätze 8-7) hier.

Viel Spaß!

TEIL VIII

Plätze 10-9

Yes - Relayer (Expanded & remastered edition, 2003)
10) Relayer – Yes

Erscheinungsjahr: 1974

Label: Atlantic

„Truth conceals itself in error.
History reveals its face:
days of ecstasy and terror
invent the future that invents the race.“
– Donald Lehmkuhl, aus den Liner Notes

Egal wie oft wir Yes in den Hexenkessel überlebensgroßer Gesten und personeller Schlammschlachten werfen, egal wie oft Yes sich selbst aufwärmen und egal wie oft Yes im Mainstream des Musikjournalismus mit Ignoranz gestraft werden: die Liebhaber wissen, was sie an dieser Band haben.

Nach dem kurzzeitigen Weggang von Rick Wakeman schien der Zenit bereits erreicht zu sein. Schlecht vorstellbar, was nach Großtaten wie Close to the Edge, Fragile, The Yes Album und dem kontroversen Tales of Topographic Oceans noch kommen könnte. Schließlich hatten Yes bewiesen, dass sie mit ihrem breit angelegten, musikalischen Konzept und dem weitläufigen Eklektizismus Pop- und Rockmusik zu einem unmöglich hohen, filigranen Türmchen aufgebaut hatten, über das man sich entweder lustig machen oder in Ehrfurcht erschaudern konnte.

Aber nein. Die Kernmannschaft um Jon Anderson, Chris Squire, Alan White und Steve Howe war unersättlich. Eine Grenze musste noch überschritten, eine Sehne bis zum Zerreißen noch gespannt werden. Der Nachfolger des Tales-Doppelalbums gestaltete sich denn auch entsprechend unterkühlt, mechanisch-präzise und mit einem überraschend schroffen Jazz-Fusion-Gewand, das wohl maßgeblich dem neuen Keyboarder Patrick Moraz geschuldet war. Das sanft dahinfließende, verspielte der bisherigen Platten wurde von perlend-kristallinen Instrumentalparts abgelöst, sehr schön zu hören in der Hauptkomposition „The Gates of Delirium“. Dieser Bruder im Geiste des ähnlich epischen „Close to the Edge“-Longtracks wird von Whites „kreisendem“ Schlagzeugspiel angefeuert, während Squire seinen knarzenden Bass und Howe, der das Geschehen hier wesentlich dominiert, seine tänzelnden Gitarrenlicks hinzufügt. So steigert sich die Konstellation zu einer orgiastischen Instrumentalschlacht, wie sie bis dato weder von Yes und von wohl kaum einer anderen Band zu hören war. Kakophonische Akkord-„schreie“, Hämmern auf Blech, dann endlich, triumphale Keyboard-Fanfaren, die sich hervorkämpfen – nur um wenige Minuten später, der Nebel der Schlacht legt sich, den Blick auf das Endstück „Soon“ freizugeben. Eine sehnsuchtsvolle, herzzerreißende Ballade, die mir schon oft die Tränen in die Augen getrieben hat. Kein Kitsch, keine Attitüde, nur reines, ehrliches Hoffen auf Erlösung und Frieden.

Ohne Zweifel haben Yes mit „Gates of Delirium“ einen ersten Punkt hinter der Entwicklung des Progressive Rock gesetzt. Dieses Epos ist so gewaltig, so gelungen und so vereinnahmend geraten, dass es ein ganzes Genre langsam in den Abgrund getrieben hat. Denn alles danach musste misslingen.

Leider in dessen Schatten stehend, füllen zwei kürzere (und doch überlange) Tracks die B-Seite von Relayer aus: das extravagante „Soundchaser“ und „To Be Over“. „Soundchaser“ ist eine irrsinnige Hetzjagd zwischen einem Riff, dessen Geschwindigkeit ständig variiert wird (sodass man in der Tat das Gefühl bekommt, die LP rotiere plötzlich schneller) und einem Gitarrensolo, das quasi „über seine eigenen Füße“ stolpert und sich kurz darauf gekonnt aufrichtet, elegant, arrogant, mit einem Mal zerfetzt von einem flotten Rock-Part, einem rasenden Keyboard-Solo und deplatzierten „Cha-Cha-Cha“-Rufen. Und am Ende fragt man sich nur: Was war das denn bitte? Keine Ahnung. Nochmal hören!

„To Be Over“ ist da eher ein Fähnchen im Wind der vorangegangenen Genialitäten, für viele ohne Zweifel das schwächste Stück. Völlig missraten ist die eher atmosphärischere Nummer dennoch nicht. Fast möchte man meinen, Yes hätten hier so etwas wie die End-Credits für einen nervenaufreibenden Film angehängt. „So, das war’s Leute, wir wünschen euch noch einen schönen Abend, macht es gut und beehrt uns das nächste Mal wieder!“ Ja, ja, genau… für Tormato, oder?

Relayer ist für mich ein wertvolles Stück Jugend-Nostalgie, das Album, das mich zum Fan gemacht hat. Und nebenbei der Gipfel einer grandiosen Band, die von da an ihr Talent im Zuge von persönlichen Zerwürfnissen gnadenlos in den Sand gesetzt hat.

9) Second Life Syndrome – Riverside

Erscheinungsjahr: 2005

Label: InsideOut

„Without knowing how it hurts
I feel safe
Is this what I really wanted?“
– Before, Riverside

2015 war ein trauriges Jahr für Riverside: Piotr Grudzinski starb im Frühjahr überraschend und hinterließ nicht nur eine zutiefst bestürzte Band (von seinen Freunden und seiner Familie ganz zu schweigen), sondern auch jede Menge fassungsloser Fans.

Denn Grudzinski war vielleicht die prägenste Figur der polnischen Kult-Band gewesen, die mit ihrem Debut Out of Myself ganz vorn auf der herannahenden Progressive-Rock-Welle des 21. Jahrhunderts aufstieg. Alles, was gut und edel am inzwischen fast 40-jährigen Progressive Rock war, ließen Mariusz Duda, Piotr Grudzinski, Piotr Kozieradzki sowie Jacek Melnicki zusammenfließen in eine wohlig-düstere Schaummasse. Da blitzten Pink Floyd und Gilmour, Anathema und Porcupine Tree, manchmal auch Dream Theater oder Marillion hervor, das aber stets mit Gefühl und Talent. Und Riverside legten noch eine Schippe drauf. Sie trennten sich von Melnicki, der Neuzugang Michal Lapaj an den Keyboards verlieh mit einem, wie es von Kollegen genannt wird, „erdigen“ Klangarsenal dem Progressive-Metal-Gerüst die nötige Kohärenz – weniger Kitsch, mehr Rock, sozusagen. Die erste EP mit Lapaj, Voices In My Head, war deshalb der geeignete Testlauf für das neue, wärmere Gesicht der Band. Die Songs, obwohl immer noch pathetisch in ihrer Grundkonzeption, verfügten nun über mehr Charakter, wirkten unmittelbarer, sympathischer, weniger verkopft. Nach dem Appetizer aber folgt bekanntlich der Hauptgang. Und so wurde Second Life Syndrome ein Jahr später vom neuen Label InsideOut in die Läden gewuchtet.

2005, das kann man im Rückblick guten Gewissens behaupten, markierte den Höhepunkt einer Progressive-Rock-Epoche, die eine ganze Menge neuer Hoffnungen hervorbrachte und das Genre etwas von seinem Kitsch-Stigma befreite (ein Prozess, der bis heute andauert, wie ich finde).

Mit Second Life Syndrome bewiesen auch Riverside, dass man von den alten Herren zwar gut lernen kann, ihnen aber nicht nachzutrauern braucht: Alles ordnet sich auf diesem Album der nahezu perfekt eingefangenen melancholischen Stimmung unter. Die Haken und Ösen in den Melodieverläufen sind einprägsam ohne poppig zu wirken, der eingangs erwähnte Grudzinski reicht mit seinen hypnotisierenden Gitarrensoli Hackett und Rothery die Hände, Lapajs Hammond röhrt und – oh je, wie ich sie liebe! – seine waschenden, leicht spacig angehauchten Tastensounds sind ein selbstbewusstes, wunderbares Bekenntnis zum gepflegten Bombast.

Out of Myself war ein schüchternes Hineinhalten des großen Zehs in kaltes Wasser; Second Life Syndrome ist der mutige Sprung, mit dem Kopf voran – und zwar einer, der in seiner gesamten Laufzeit mehr als gelingt. Eingerahmt von den rätselhaften „After“ und „Before“, gibt es „Volte-Face“, „Artificial Smile“ und „Reality Dream III“ als treibende Nummern, „Conceiving You“ und „I Turned You Down“ als seufzende Balladen, und schließlich den Titeltrack sowie „Dance With The Shadows“ als ausschweifende, dramatische Longtracks. Wie es sich eben für ein ordentliches, fettes Prog-Album gehört.

Die goldene, ewig schenkende Kuh der Progressive-Rock-Fans, InsideOut, ist heute nur noch ein Label von vielen. Second Life Syndrome aber erinnert mich immer wieder daran, dass es mal eine Zeit gab, in der InsideOut eine Art Gütesiegel darstellte. Darüber hinaus haben Riverside mit ihrem zweiten Album schlicht und einfach einen zeitlosen Genreklassiker geschaffen, der mich jedes Mal emotional tief berührt.

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