Die besten 110 Alben aller Zeiten: Top Ten (Plätze 6-5)

…wenn’s nach mir geht.

Eine musikalische Liste von Benjamin Feiner.

Was über viele Wochen dem [progrock-dt]-Forum auf Facebook häppchenweise vor die Füße geworfen wurde, gibt es nun endlich als neu aufgelegten Director’s Cut in einer brillanten Super-HD-Surround-Sound-3D-Remaster-Version – inklusive Poster, Schal und Murmel: die subjektivste Liste seit es Progressive Rock gibt.

Zu den Plätzen 8-7 gehts hier lang…

…und weiter mit den Plätzen 4-3 hier.

Viel Spaß!

TEIL X

Plätze 6-5

6) In Absentia – Porcupine Tree

Erscheinungsjahr: 2002

Label: Lava

„Swim with me into your blackest eyes .“

– Blackest Eyes

Ich bitte zu entschuldigen, aber ich muss eine völlig subjektive Erkenntnis loswerden: Porcupine Tree waren vielleicht gleichzeitig die beste und am meisten missverstandene, britische Rockband zwischen Ende der 90er und 2009. Ich betone es nochmal: Rockband. Ohne „Progressive“. Ich bin mir wohl bewusst, dass sich meine Liste zum Großteil aus Progressive Rock und all seinen Abwandlungen zusammensetzt. Aber es gibt Bands, die transzendieren ihr Genre, entwickeln dadurch eine originäre Handschrift, einen eigenen Charakter. Porcupine Tree gehören zweifellos zu dieser Sorte von Acts.

Die musikalische Qualität der Band gründet dabei auf mehreren Fundamenten. Zunächst wäre die zu jeder Zeit starke, dynamische Produktion zu nennen, ein schön luftiger, mitunter voluminöser Sound. Dann: die talentierten Richard Barbieri (Keyboards), Gavin Harrison (Drums; mit Fingerzeig in Richtung Chris Maitland!), Colin Edwin (Bass) und Live-Supporter John Wesley, die Porcupine Tree damals zu einer wahnsinnig guten Live-Band gemacht haben. Und wer sich aktuell auch nur oberflächlich mit der Alternative-Rock- und Prog-Szene auseinandersetzt, kommt schließlich um einen Namen nicht herum: Steven Wilson, der einstige Kopf der Band, inzwischen so etwas wie der Repräsentant von Vinyl- und HiFi-Afficionados, und angeblicher „Erneuerer“ des Artrocks im 21. Jahrhundert. Seine Lehrmeister für kohärente, packende Kompositionen fand Wilson jedoch vor allem im Pop, unter anderem bei Prince und David Bowie, wobei eine Platte von Donna Summer ihn wohl bereits als 8-Jährigen geprägt hatte. Und genau hier springt der Punkt: Genres allein machen keine guten Songs. Man muss überhaupt erst lernen, gute Songs zu schreiben.

Anfang der 90er Jahre als Nebenbeschäftigung zu No-Man entstanden, dem eigentlichen Hauptprojekt Wilsons, hatten Porcupine Tree ihren Ursprung im Psychedelic und Space Rock. Später, auf Stupid Dream und Lightbulb Sun, fand man endlich ein songorientierteres Format. Legendär war das Stelldichein Steven Wilsons als Produzent für das 2001 erschienene Opeth-Album Blackwater Park. Seine alte Liebe zum Metal wurde dadurch sichtlich neu entflammt. Denn ohne Frage hat dies zwei Jahre später auf In Absentia seine Spuren hinterlassen. Das Album steigt herb und kraftvoll ein mit „Blackest Eyes“, dessen Hardrock-Riffing schnell einem hymnischen Refrain den Platz räumt. Und auch „Gravity Eyelids“, „Wedding Nails“ und „Strip the Soul“ sind im Kontext der früheren Diskografie überraschend düster und krachig gehalten. Dazwischen: „Trains“, „Sound of Muzak“, „Prodigal“, große Melodien und große Gitarrenparts, zeitlos und unangefochten. Das bombastisch aufwallende „.3“. Und schließlich„Heartattack in a Layby“ sowie „Collapse the Light into Earth“, berührende, melancholische Perlen. In Absentia vereint die besten Facetten der Band in ihren besten Songs. Obwohl man bei einer Nummer wie „Trains“ durchaus gewisse Radio-Zugeständnisse spürt, wird jedes Lied von einer wohlig-trippigen Atmosphäre durchzogen, die den Hörer in einen träumerischen Schwebezustand versetzt.

In diesem Sinne waren Porcupine Tree vielleicht doch so etwas wie die geistigen Erben Pink Floyds: Das Gebotene ist nie wahnsinnig innovativ gewesen. Die Basis waren stets Strophe, Refrain, Bridge, sich wiederholende Leitmotive und mitreißende Grooves. Dafür verfügten Porcupine Tree über jenen Charme und jene simple Eleganz, die Steven Wilsons späteren Solo-Produkten irgendwie abhanden gekommen ist.

Eine Anmerkung: Erst in den letzten zwei, drei Jahren habe ich realisiert, dass Porcupine Tree als Live-Band ihren eigenen Studioaufnahmen den Rang abgelaufen haben. Wer sich ein Bild machen will: „Sever“, „Prodigal“ und „Dark Matter“ von der Anesthetize Live-DVD, „Fadeaway“ und „Pure Narcotic“ von XMII, „Hatesong“ und „Don’t Hate Me“ von der Arriving Somewhere Live-DVD sowie „Moonloop“ und „Not Beautiful Anymore“ von der inzwischen etwas gealterten Coma Divine. Bei sämtlichen Titeln sind die Live-Versionen den Studio-Versionen vorzuziehen. Fest steht: Eine derartige Vitalität und Kraft in der Performance lassen so manch andere, wesentlich größere Bands vermissen.

5) Watershed – Opeth

Erscheinungsjahr: 2008

Label: Roadrunner

„Long days
Slow waste
Sew lies
Sow hate“

-Heir Apparent

Wie sich die schwedische Extrem-Metal-Band Opeth in den letzten Jahren gewandelt hat, ist bemerkenswert: Bis Anfang der 00er Jahre galt die Gruppe um Fronter, Sänger und Gitarrist Mikael Akerfeldt noch als Geheimtipp der schweren, dunklen Szene. Opeth-Fans waren für ihre unerschütterliche Loyalität bekannt. Selbst sanftere Alben wie Damnation schluckten die Hörer mit einer gewissen Entzückung ob der gelungenen Balladen-Kollektion.

2011 kündigte sich allerdings eine Entwicklung an, die man fünf Jahre später als vollkommenes Ablegen der Death-Metal-Wurzeln werten muss: Heritage war, wenn auch experimentell in seiner Ausrichtung, purer Retro-Rock. Ein wenig Krautrock, Jethro Tull, Black Sabbath – das für Akerfeldt typische, abgrundtiefe Growling und die bedrohlichen Gitarrenstürme aber blieben völlig aus. Was ist da passiert?

Wer Opeth kennt und liebt, wird wohl eine oder mehrere Klassiker in seiner Sammlung stehen haben: Still Life, Blackwater Park, Ghost Reveries. Die Schweden waren schon seit ihrer Gründung Mitte der 90er äußerst produktiv, und spätestens seit My Arms Your Hearse bewegt sich ihr Oeuvre auf einem verblüffend konstanten, hohen Niveau. Der barocke Schriftzug des ikonischen Bandlogos verrät demnach viel über das, was Opeth in ihrer Musik transportieren: Schwermut, Romantizismus, Naturverbundenheit. Die Band scheint wie aus einem falschen Jahrhundert zu stammen. Hätten Caspar David Friedrich, E.T.A. Hoffmann und Robert Schumann ein Bandkonzept kreiert, sie hätten mit Sicherheit Opeth ins Leben gesetzt.

Doch waren Opeth nie traditionsbelastet oder scheu gegenüber neuen Ideen. Im Gegenteil: Die Komplexität der durchschnittlich zehnminütigen Kompositionen nahm von Album zu Album zu, zusammen mit den instrumentalen Fähigkeiten ihrer Interpreten Peter Lindgren, Martin Mendez, Martin Lopez und natürlich Mikael Akerfeldt. 2006 und 2007 warfen Lindgren und Lopez jedoch das Handtuch, sie wurden durch Fredrik Akesson und Martin Axenrot ersetzt. Live und im Studio unterstützte zudem Per Wiberg die Band an den Keyboards. Man darf wohl behaupten, dass diese Jahre einen wichtigen Einschnitt für die Band darstellten: Bereits Ghost Reveries inkorporierte deutlich hörbar Elemente und die Dynamik des klassischen Progressive Rocks, jetzt hatte sich auch die Besetzung gewandelt. Der entscheidende Schritt war getan. Innerhalb eines Jahres arbeitete man schließlich an dem Album, das wie ein schwarzer, glänzender Dorn aus der bisherigen Diskografie herausragen sollte: Den Scheideweg – Watershed.

„Coil“ läutet das Album untypisch ruhig und liedhaft im akustischen Gitarren-Gewand ein. Dann geschieht der erste Bruch. „Heir Apparent“, bodenlos in seinem schwelenden Hass, Blastbeats, die ohne Vorwarnung auf einen hereinbrechen, eine nervenzerfetzende Abfolge von atemloser Stille und brutaler Gewalt; Hier liegt eine Komposition vor, wie sie Opeth vorher und nachher nie hervorgebracht haben. Auch „The Lotus Eater“, „Hex Omega“ und „Hessian Peel“: es fehlt jegliches, schwarz-romantisches Gefühl. Die Romantik wurde abgesaugt. Übriggeblieben ist blanke Schwärze. Watershed, das stellt sich nach den ersten Durchgängen heraus, ist keine Herbstimpression wie Damnation und kein Geister-Märchen wie Ghost Reveries, es ist ein psychotischer Alptraum. Angeblich erklärte Akerfeldt in einem Interview, ein großer Einfluss für dieses Album seien die Spätwerke von Scott Walker gewesen. Tilt und The Drift auf Metal? Ja, selbst die „Balladen“ des Albums, „Burden“ und „Porcelain Heart“, sind majestätisch aufwallende Stücke von einer ungeheuer wuchtigen Intensität. Die Produktion ist bombastisch und auf extreme Weise dynamisch. Folgende Behauptung sehe ich demnach als teilweise belegt: Watershed ist im Grunde seines Wesens ein Werk für Orchester, geschrieben und interpretiert von einer Death-Metal-Band aus Schweden.

Was aber ist mit dieser Inkarnation von Opeth geschehen, dass darauf zwar ordentliche, aber bei weitem nicht mehr derart wuchtige Alben folgten? Auf Heritage und Pale Communion sind sie erste Kompromisse eingegangen. Vielleicht nicht mit dem oft beschworenen Mainstream, aber so doch mit einer Szene, die sich mit einer fetten Hammond Orgel und bitteschön nicht zu aggressivem Gesang am ehesten anfreunden kann. Die Jungs von Opeth sind auf der Bühne und im Studio nach wie vor erstklassige Musiker, aber an die Radikalität von Watershed werden so schnell weder sie noch andere Bands anknüpfen können.

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