2017 in music, die Top-Alben der Admins

Zum Abschluss des Jahres listen wir hier noch einmal die Top-5 der [progrock-dt]-Admins auf.

Annika Dormeyer (s. auch Artikel auf „Betreutes Proggen“)

  1. Pain of Salvation – In the Passing Light of Day
  2. Soen – Lykaia
  3. White Moth Black Butterfly – Atone
  4. Soup – Remedies
  5. For All We Know – Take Me Home

Arne Caspari (s. auch Blogbeitrag)

  1. Barrows – Obsidion
  2. Soup – Remedies
  3. King Gizzard & The Lizard Wizard – Polygondwanaland
  4. Adrift for Days – A Sleepless Grey
  5. Mammal Hands – Shadow Work

Michael Schetter

  1. Pain of Salvation – In the Passing Light of Day
  2. Simon Phillips – Protocol 4
  3. Magma – Ëmëhntëhtt-Ré Trilogie (DVD)
  4. Cosmosquad – The Morbid Tango
  5. Leprous – Malina

Udo Gerhards

  1. a.P.A.t.T. – Fun With Music (Re-Release auf Altrock)
  2. Camembert – Negative Toe
  3. Mediabanda – Bombas En El Aire
  4. Njet Njet 9 – Dark Soul
  5. Andromeda Mega Express Orchestra – Vula

Sal Pichireddu (s. auch Blogbeitrag)

  1. Isildur’s Bane & Steve Hogarth – Colours Not Found In Nature
  2. Soup – Remedies
  3. King Crimson – Live in Chicago
  4. Pat Mastelotto & Markus Reuter – Face
  5. Smalltape – The Ocean

2017 in music, die Top 10 der [progrock-dt]

Alle Jahre wieder, zunächst in unserer Mailingliste, in den letzten Jahren in der Facebookgruppe, stimmen die Mitglieder der [progrock-dt] über das „Album des Jahres“ ab, aus Fan-Perspektive sozusagen. Traditionell haben „Prog-Mainstream“-Releases hier die Nase vorn (auch wenn man darüber diskutieren könnte, wie mainstreamig Prog heute noch überhaupt sein kann).

Die diesjährige Top 10 hat einen eindeutigen Sieger, einen klaren zweiten Platz und einen ungefährdeten dritten Rang, umkämpfter und enger ging es auf den Plätzen 4–10 zu, wo sich auch der eine oder andere Newcomer („Smalltape“) platzieren konnte und der eine oder „alte Recke“ (Steve Hackett,King Crimson, Roger Waters) sich achtbar schlug, aber mit dem Ausgang der Abstimmung nichts zu tun hatte.

Retroprog (Big Big Train, Wobbler), New Artrock (Lunatic Soul, Smalltape) und Produktionen zwischen Rock und Progmetal (Pain of Salvation, Motorpsycho) halten sich ungefähr die Waage. Es fehlt Alben aus dem Avant- und Neoprog-Lager, vielleicht weil 2017 in diesen Bereichen keine „konsensfähigen“ Alben erschienen, wie das in der Vergangenheit vorgekommen ist.

  1. Pain of Salvation – In The Passing Light Of Day (106 Votes)

Auf dem Treppchen folgen:

  1. Steven Wilson – To The Bone (81)
  2. Big Big Train – Grimspound (53)

Die Ränge 4–10 belegen

  1. Lunatic Soul – Fractured (44)
  2. Motorpsycho – The Tower (43)
  3. Wobbler – From Silence To Somewhere (39)
  4. Steve Hackett – The Night Siren (39)
  5. Smalltape – The Ocean (38)
  6. King Crimson – Live in Chicago (38)
  7. Roger Waters – Is This the Life We Really Want? (33)

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2017 in music, die Favoriten der Redaktion: Arnes Jahresliste

Schon ist es rum, das Jahr 2017, welches zumindest bei mir gefühlt grade erst so richtig begonnen hatte. Die meisten Jahreslisten sind bereits geschrieben worden und so habe ich mit Erstaunen von einigen gelesen, dass dieses Jahr gar keine herausragenden musikalischen Neuerscheinungen zu bieten hatte. Das habe ich ganz anders empfunden und meine Entdeckungen des Jahres hier niedergeschrieben:

2017 in music, die Favoriten der Redaktion: Arnes Jahresliste weiterlesen

2017 in music, die Favoriten der Redaktion: Sal’s (doppelte) Top-10-Liste (und mehr)

  1. Alben des Jahres (Prog, Rock, Klassik, etc.):


1. Isildurs Bane & Steve Hogarth – Colours Not Found In Nature
1. Dhani Harrison – In///Parallel

Es war ein gutes Jahr, aber vielleicht fehlte mir dieses Jahr der Überflieger (so wie vor Jahresfrist die „Blackstar“ von David Bowie). Heuer teilen sich Dhani Harrison und Isildurs Bane & Steve Hogarth den ersten Platz mit zwei grundverschiedenen Alben. Das eine – das Solo-Debüt des Sohnes von George Harrison – ist betont modern, elektronisch, rhythmisch akzentuiert und geradezu hypnotisierend, das andere – die Rückkehr der glorreichen Schweden von Isildurs Bane mit einem bestens aufgelegten Gastsänger Steve Hogarth – vermischt gekonnt Kammermusik und Retro-Prog, Jazz und Klassik des 20. Jahrhunderts. Beiden gemein ist eine Vielschichtigkeit, die die Alben vor Abnutzungserscheinungen bewahrt.

3. Robert Plant – Carry Fire

Ich gebe zu: Ich mag Robert Plant als Solo-Künstler viel lieber als bei Led Zeppelin. Sein neuestes Album reiht sich ein in die beeindruckende Diskografie seines Spätwerks. Plant belegt, dass man als Rocker in Würde altern kann, ohne peinlich zu werden oder zum Selbstplagiat zu erstarren. Düster, schwermütig, exzellent, alles andere als altbacken.

4. Soup – Remedies

Irgendwo zwischen Psychedelic Rock, New Artrock und Progressive Rock schweben die Norweger von Soup auf berauschenden Klangteppichen.

5. King Crimson – Live in Chicago

King-Crimson-Livealben gibt es mittlerweile viele, hörenswert sind alle, doch „Live in Chicago“ ist mehr: Es ist nicht nur das (bisher) beste Live-Dokument des „Doppel-Quartetts“, es ist das beeindruckendste Live-Album der Band seit seligen „Vrooom Vrooom“-Zeiten. Und die erschien 2001. Besonders gut gelingen die Neudeutungen der 80er-Belew-Songs. Damit hätte ich nicht gerechnet. Obwohl die neue Besetzung sehr wenig substanziell „Neues“ bietet, ist die Neusichtung des alten Materials ein Leckerbissen.

6. Maria Lettberg: Zara Levina – The Piano Concertos

Zusammen mit Barbara Hannigans „Crazy Girl Crazy“ die herausragende Klassik-Veröffentlichung des Jahres. In der Endabrechnung legt Maria Lettbergs Einspielung der völlig unbekannten Klavierkonzerte Zara Levinas weiter vorne, weil es sich nicht nur um eine musikalisch mitreißende Performance handelt, sondern auch um (quasi) neues, ungehörtes Material. Levinas Klavierkonzerte sind technisch und musikalisch allerfeinste russische Musikkultur des 20. Jahrhunderts.

7. Pat Mastelotto & Markus Reuter – Face

Das beste Mike-Oldfield-Album, das Mike Oldield nie aufgenommen hat. Mastelotto/Reuter haben mit „Face“ ein episches Meisterwerk vorgelegt, das leider im Jahr etwas untergegangen ist. Freunde großer Kompositionsbögen und überraschender Wendungen kommen hier allerdings voll auf ihre Kosten. Wer es verpasst hat, sollte dem Album unbedingt noch einmal eine Chance geben. Es lohnt sich.

8. Barbara Hannigan – Crazy Girl Crazy

Allein die Tatsache, dass die kanadische Sopranistin und Dirigentin Barbara Hannigan auf „Crazy Girl Crazy“ Werke von Luciano Berio, Alban Berg und George Gershwin vereint, ist der schiere Wahnsinn. La Hannigan formt aus dem eklektizistischen Ansatz ein homogenes, konzeptuell schlüssiges Album. Das Resultat ist schlichtweg mitreißend, betörend, beeindruckend, unangepasst, mutig, einzigartig.

9. Jeff Lynne’s ELO – Wembley or Bust

Wenn man, wie ich, mit der Musik des Electric Light Orchestras aufgewachsen ist, dann kommt man an dieser CD/Bluray (oder DVD) nicht vorbei. Lynne und seine neu formierte Band bringen die alten ELO-Klassiker mit Perfektion, Charme und (nur) einem Hauch Nostalgie perfekt auf die Bühne. Jeff Lynne, der gerade 70 geworden ist, ist hier in Bestform. Die Songs, quasi allesamt Klassiker, die Babyboomer und Gen-X-ler lauthals mitsingen können. Die Show wurde aufwendig gefilmt. Der Sound ist erste Sahne. Beruhigend zu sehen, dass ich im Publikum in Wembley noch zur jüngeren Hälfte gehört hätte.

10. John Kameel Farah – Time Sketches

John Kameel Farahs „Time Sketches“ verbindet Strukturen der Minimal Music mit Elementen der elektronischen Musik. Neben Klavier nutzte Farah auch analoge und digitale Synthesizer. Selten zuvor hat man eine so unverkrampfte und natürliche Symbiose aus „klassischer Musik“ und elektronischen Elementen gehört. Das Ergebnis ist ein faszinierender Klangrausch für alle Freunde der zeitgenössischen Musik und für aufgeschlossene Rockmusik-Fans.

Auf Spotify habe ich dazu eine Playlist mit den zehn Alben, abzüglich der Reuter/Mastelotto (aber mit Reuter/Reber/Sonar) erstellt.

Für die Prog-Puristen habe ich auch eine sortenreine Top 10 zusammengestellt. Die muss aber ohne große Erläuterungen auskommen.

Alben des Jahres (Prog):

  1. Isildur’s Bane & Steve Hogarth – Colours Not Found In Nature
  2. Soup – Remedies
  3. King Crimson – Live in Chicago
  4. Pat Mastelotto & Markus Reuter – Face
  5. Smalltape – The Ocean
  6. Zeitgeber – Heteronomy
  7. Schooltree – Heterotopia
  8. Barrows – Obsidion
  9. King Gizzard and the Lizard Wizard – Polygondwanaland
  10. Roger Waters – Is This the Life We Really Want?

Eine besondere Erwähnung verdienen auch die spannenden

Debütanten und Newcomer des Jahres

  1. Dhani Harrison – In///Parallel
  2. Smalltape – The Ocean
  3. Robin and the Modest – Eftychia

Ich habe eine besondere Schwäche für die

Live-Alben des Jahres

  1. Jeff Lynne’s ELO – Wembley or Bust
  2. King Crimson – Live in Chicago
  3. Security Project – Contact
  4. Sivert Høyem – Live At Acropolis – Herod Atticus Odeon, Athens
  5. Stick Men featuring Mel Collins – Roppongi

Last aber nicht wirklich least habe ich dann noch eine Liste mit zehn Alben, die oben nicht genannt wurden, die aber irgendwie doch zu schade sind, um unerwähnt zu bleiben.

Muss ich öfter hören bzw.
viel zu schade, um hier nicht gelistet zu werden

  • Adrift For Days – A Sleepless Grey
  • Bubblemath – Edit Peptide
  • Cheer-Accident – Putting Off Death
  • Hinterlandt – Ode to Doubt
  • Miriodor – Signal 9
  • O.R.k. – Soul of an Octopus
  • Becca Stevens – Regina
  • Tazebao – Opium Populi
  • The War of Drugs – A Deeper Understanding
  • Wobbler – From Silence To Somewhere

Die Chronisten-Pflicht nötigt mir auch noch diese Top-3 der besonderen Art ab.

Arschbomben des Jahres

  1. Yes – Topographic Drama – Live Across America
  2. Kansas – Leftoverture − Live & Beyond
  3. PFM – Emotional Tattoos

Anmerkung: Die angegebenen Links zu Amazon sind sogenannte „Affiliate Links“. Von den Verkäufen, die über diese Links generiert werden, wird ein geringer Prozentsatz (natürlich ohne Aufpreis) auf das Konto des Autoren gutgeschrieben. Mit dem so eingenommenen Geld versuche ich die laufenden Kosten für die Website zu finanzieren. Selbstverständlich steht es jeden Besucher frei, diese Links zu nutzen oder die ID-Tag am Ende des Links „wegzukürzen“ oder die CDs in anderen Shops oder bei lokalen Händlern zu kaufen.

Die 10 besten Prog-Livealben der Jahre 2001–2010

Das beste Prog-Livealbum der Jahre 2001–2010 ist – zumindest in der Abstimmung der Mitglieder der [progrock-dt]-Gruppe – Dream Theaters „Metropolis 2000: Live Scenes From New York“. Auf Platz 2 folgen King Crimson mit „Vroom Vroom“ und den 3. Rang belegen Magma mit der epischen „Theusz Hamtaahk Trilogie“.

Rush konnte sich zwar mit gleich zwei Alben für die Top 10 qualifizieren, spielte aber dann bei der Endabrechnung (mit den Rängen 6 und 9) keine große Rolle. Überraschend: Der haushohe Erstrunden-Gewinner „Live in Europe“ von Transatlantic landete „nur“ auf Rang vier. Chancenlos am Ende der Top 10: Genesis‘ Schwanengesang „Live over Europe 2007“ und die Retroprogger von den Flower Kings mit ihrem zweiten Livealbum „Meet the Flower Kings“. Der Vorgänger „Alive on Planet Earth“ war immerhin auch in der Top 10 der vorigen Dekade gelandet.

(Berücksichtigt wurden nur Bands, die in den Babyblauen Seiten besprochen werden und die nicht posthum veröffentlicht wurden.)

Die Top 10 der besten Livealben der Jahre 2001–2010 aus dem Prog-Kosmos sieht wie folgt aus:

  1. Dream Theater – Metropolis 2000: Live Scenes From New York
  2. King Crimson – Vroom Vroom
  3. Magma – Theusz Hamtaahk Trilogie
  4. Transatlantic – Live in Europe
  5. Opeth – In Live Concert at the Royal Albert Hall
  6. Rush – R30
  7. Porcupine Tree – Warszawa
  8. Isildurs Bane – MIND Volume 2 – Live
  9. Rush – R30
  10. The Flower Kings – Meet the Flower Kings: live recording 2003
  11. Genesis – Live Over Europe 2007

Konzertbericht: Freakshow Artrock Festival 2017

Full House

Noch kein Mal zuvor waren so viele Kinder der Einladung ihres einschlägig lexikalisch wissenden Dr. Who, Charly Heidenreich, zum Festival der Rockmusik für Fortgeschrittene gefolgt und versammelten sich an zwei Tagen/Nächten zur scharfkantigen und bisweilen krachtonalen, schick Rhythmus-ziselierten und herzhaft verrückten Justierung des Hörsinns. Einmal im Jahr, für schmalen Obolus, lädt der Guru nach Würzburg, die eigenartigen Vorstellungen von Musik neu zu prägen, zu unterhalten und mit frischer Kost zu würdigen.

Nunmehr seit einigen Jahren schon in den Blauen Adler, wo Raum und Terrasse zum Platz des lauten Gemurmels werden, wenn die den Rest des Jahres weit Verstreuten neben den Konzerten zum verplapperten Erfahrungsaustausch anheben und allgemeines Wohlbefinden wie im Uterus der Mutter sich breit macht. Einige trinken Bier.

CDs gab es am ersten Tag noch nicht, die Bands nutzten die Gunst der Stunde, nach ihrem concerto eigenes Material anzubieten. So vorhanden.

Viele Menschen schönen Geistes waren angereist, Charly verbuchte Full House, der Laden war ausverkauft, keiner ging mehr rein, die Bude war proppenvoll und es war eine Pracht.

Die witzigen Jungs von POiL sollten den Auftakt meistern und das süchtige Volk in den wilden Strudel schleusen, standen aber noch auf der Autobahn und so begann die Band, die auf dem Flyer als erste vorgesehen war: Colonel Petrov’s Good Judgement. Zwei Schlagzeuger – und der Groove war vom Feinsten.
Ach so, beinahe vergessen. Bei Ankunft wird jedem Festivalgast ein Stempel auf den Arm gedrückt. Die Tinte dazu war mit psychogenen Drogen versetzt, die verhinderte, das auch nur ein Gast auf die Idee kommen könnte, ein Tönchen sei falsch, eine Band langweile, der Wein schmecke nicht. Von Beginn bis Ende waren alle Anwesenden vollends verzückt und sie werden nie erfahren, was mit ihnen geschehen bzw. dass die Tinte…

Der Colonel-Saxophonist mochte sein Mikrophon nicht, so war sein Instrument ganz silentium, dafür war sein Tanz – das rote Auge! – umso prächtiger. Seit langem, wie Cheffe Karl-Heinz meinte, mal wieder eine deutsche Band als Auftakt.

Ach so 2 – Wahlsonntag. Das Festivalgelände war Nazi-frei, die Geistes-Kinder der fortgeschritten progressiven Nonsens-Art sind allesamt Weltenbürger, denen politische Bekloptomanie vollkommen abgeht.

Das Völkchen ist in seinen einzelnen Personen schon ganz schön lange auf dem Planeten, so dass manch Anwesender, so allgemein auf der Straße angetroffen, nicht unbedingt als Avantrock-Freak zu erkennen gewesen wäre sondern als sein eigener Großvater, was sehr sympathisch ist, spricht es doch dafür, dass das gewaltige Krachgeschehen eine Lebensaufgabe ist, die nicht versiegt. Wenn noch Nerven sind, dann hierfür.

Le Silo sind eine Bank und die Ansagen der überdrehten und herzlich durchgeknallten Miyako hinreißend. Die Japaner sprechen etwa so viel Deutsch wie das Auditorium Japanisch, was mit allerlei Wortsuche, Englisch-Japanisch-Sonstwas-Gemisch absolviert wurde, dass die Pausen zwischen den Songs mindestens ebenso amüsant waren wie die Songs selbst. Tolle Show! Immerhin konnte Miyako soviel rüberbringen, dass das Bandtrio am Montag, so jetzt so, selbst wieder arbeiten muss, was wesentlich unbeliebter zu sein schien (und ist), als das Musizieren vor Verrückten auf der Bühne. Zuletzt gab es den Tanz-Contest um die einzige (!) CD, die das Trio noch zur Verfügung hatte. Die Dame gewann. Anschließend wurde dem deutschen Volksliedgut Tribut gezollt und noch am nächsten Tag tummelte sich „Muss I denn, muss i denn zum Städtele hinaus“ in meinem Kopf.

Cheer-Accident, die Wandelbaren mit stets neuem Musiksinn (und neuer CD im Paket) vollführten nach fröhlicher und kurzer Pause (leider immer nur etwa sowas wie eine Stunde) einen zackigen Reigen, der dann plötzlich nach etwa 9 Songs auf der Stelle stehen blieb und die Meute mit 748x dem Gleichen pausenlos versorgte, was das Auditorium, das ausgiebig musikalisch gebildet ist, eine Weile gefiel bis es nicht mehr gefiel. Aber: Progressive Rock. Der Song musste einfach 10 Minuten lang sein!

Als die Zeit schon nicht mehr real war und die Glut in den Ohrenbetäubten durch drogenversengte Adern schoss, kamen unsere Lieblinge POiL auf die Bühne. Mit neuer Show und dem bewährten und beliebten Musikwahnsinn schossen sie Holterdipolter in einen abgefahren rasanten Sound, dass kaum zu denken noch nachzuvollziehen war. Dieser Speed Core Prog kann kaum noch gedacht oder verstanden werden. Das war schon durchaus enorm lustig und absolut fabelhaft.

Schlaf. Dusche. Frühstück. Stadt. Frische Luft, Füsslein die Straßen entlang traben lassen, hier gucken da gucken. Federweißer!

Die Familie traf sich wohl so gegen 14 bis 15 Uhr wieder. Der Silvaner ist zu empfehlen, DRH auch. Die Franzosen spielten kernigen Jazzrock der, für diese geschulte Meute, eher leicht nachvollziehbaren Art. Kraftvoll, vital, energisch, aber nicht Anstalt. Guter Auftakt, die Gehirnzellen richteten ihre Antennen wieder auf. Pause.

Und diese Pausen sind ein Heidenspaß! Es braucht danach wohl Wochen, zusammengenommen genauso viel zu quatschen wie in diesen lockeren Stunden. Schnattertherapie für alle, die hier zuhause sind. War dat schön!

Schließlich waren die vom Hexenschuss nicht zu sehr geplagten Cowboys From Hell aus der Schweiz dran (Rockband: Schlagzeug, Bass, Saxophon, nicht John Coltrane, kein Jazz, obwohl kein Jazz – – – aber kein John Coltrane, denn: Rockband), die Bühne zu entern und die Köpfe wippten, die Beine federten, die Sinne schmolzen, Morgen hat es noch nie gegeben.

Alsbald wurde es akademisch und die Klassiker Miriodor – echt, DIE! – besetzten den tonalen Raum und verführten das Auditorium in kanadische Winkelgassen, dass die Stille anmutig zu genießen war.

Der Tag verlor seine letzten Minuten, als der Starkstromgenerator Piniol aus dem exzellenten Frankreich das Publikum bedonnerte. Zwei Gitarren, zweimal Bass, due Schlagzeuger mit uno Keyboards in der Mitten. An den Instrumenten die mit Vernunft und langweiliger Realität abgeschlossenen Herren von POiL und Ni vereint unter dem süßen Namen Piniol. Nicht zu fassen, Leute, nicht zu fassen. Es gibt keine Beschreibung. Fahrt hin, hört es euch an, sterbt später.

Erwachsene Menschen, normal anzusehen, kreischten, brüllten, pfiffen, tanzten und jubelten noch, als die Show samt saftiger Zugabe längst ausgetobt war. Es hat noch nie ein Gestern gegeben.

Der Sonntag erfreute diesen hier im Auto. 800 Kilometer hoch in den Norden.

Montag früh – world of pappe.

Keine 365 Tage mehr…

Die 10 besten Prog-Livealben der Jahre 1991–2000

Das beste Prog-Livealbum der Jahre 1991–2000 ist – zumindest in der Abstimmung der Mitglieder der [progrock-dt]-Gruppe – Peter Gabriels „Secret World Live“. Auf den Plätzen zwei und drei folgen Pink Floyds „P.U.L.S.E.“ und „The Best Band You Never Heard in Your Life“ von Frank Zappa.

Überraschungserfolg für King Crimson und ihr „schweres“ Improvisationsalbum „Thrakattak“ auf Platz 5; Achtungserfolge für ABWH  (Rang 6) und die nicht unumstrittenen Flower Kings (Rang 7).  Fun facts zu den Abstimmungen: Zappa-Alben wurden in die Top 10 der beiden vorigen Listen der Liste mit den 10 besten Prog-Livealben der Jahre 1970–1980 und 1981–1990 gewählt. Peter Gabriel gewann bereits die Abstimmung zur vorigen Dekade.

(Berücksichtigt wurden nur Bands, die in den Babyblauen Seiten besprochen werden und die nicht posthum veröffentlicht wurden.)

Die Top 10 der besten Livealben der Jahre 1991–2000 aus dem Prog-Kosmos sieht wie folgt aus:

  1. Peter Gabriel – Secret World Live
  2. Pink Floyd – P.U.L.S.E.
  3. Frank Zappa – The Best Band You Never Heard in Your Life
  4. Porcupine Tree – Coma Divine
  5. King Crimson – Thrakattak
  6. Anderson Bruford Wakeman Howe –  An Evening Of Yes Music Plus…
  7. The Flower Kings – Alive on Planet Earth
    Rush – Different Stages
  8. IQ- Forever Live
  9. Frank Zappa/Ensemble Modern – The Yellow Shark

Nachruf für Holger Czukay

Am 5. September 2017 ist der ehemalige Can-Bassist und spätere Solo-Musiker Holger Czukay in Weilerswist bei Köln tot in seinem Haus aufgefunden worden. Czukay wurde 79 Jahre alt und starb nur wenige Wochen nach dem Tod seiner Partnerin Ursa. Die näheren Umstände seines Todes sind noch ungeklärt.

Ich habe Holger Czukay einmal kurz kennenlernen dürfen. Es muss Ende der 1990er Jahre gewesen sein. Er streifte durch das Kölner Kwartier Latäng und ein Bekannter winkte ihm zu. Er kam zu uns an den Tisch und grüßte dabei andere Bekannte, im Vorbeigehen. Ich war so aufgeregt, dass ich kaum ein gescheites Wort herausbrachte. Czukay strahlte eine unwiderstehliche Exzentrik  aus. Er entsprach – zumindest bei diesem Auftritt an unserem Bistrotisch – ganz dem Klischee des entrückten Künstlers. Auch seine Musik war entrückt, entfernte sich von den üblichen Stereotypen und Denkmustern. Czukay war, zunächst mit Can – die ich seit meiner frühesten Kindheit (dank eines älteren Bruders) kannte und wegen ihrer wilden Rhythmik verehrte – später als Solist oder Sessionpartner ein Nonkonformist und Suchender. Einer der gerne experimentierte und einer, der sich nicht für den Massengeschmack verbiegen ließ. Wie wichtig Czukay und Can wirklich waren, erkannte man vielleicht erst im Ausland, wo man die Originalität seiner Musik eher zu schätzen wusste, als im verstaubten Deutschland, wo Schlager und Disco bald wichtiger waren. Czukay war für mich eine musikalische Gallionsfigur einer sich verändernden deutschen Gesellschaft, die sich nicht mehr von den kleinbürgerlichen Klischees der Adenauerschen Nachkriegsära einengen lassen wollte. Ein anderes Deutschland, ein neues, internationales, verspieltes, kreatives, selbstironisches Deutschland: »Let’s get cool together in the pool.« — Ja, warum eigentlich nicht?
Bis zum heutigen Tag stelle ich mich ausländischen Musikfreunden als einer vor, der in der Stadt groß geworden ist, in der Can lebten und wirkten. Und immer noch ernte ich dafür anerkennende Blicke.

Den folgenden Nachruf habe ich über den Promoter (und Musikliebhaber) Ulli Rattay erhalten. Er wurde von Hendrik Otremba für Label Grönland geschrieben, auf dem Czukay zuletzt seine Werke veröffentlichte. Der Nachruf fasst in prägnanten Worten zusammen, wer Holger Czukay war und wie sein Œuvre als Musiker einzuordnen ist.

Salvatore Pichireddu, 7. September 2017

Holger Czukay (24. März 1938 – 5. September 2017)

Es ist schwierig, von einem Meisterwerk im Sinne eines Höhepunktes zu sprechen, wenn es um das Schaffen eines Meisters geht. Und Holger Czukay war ein Meister, jedes seiner Werke weiß davon zu erzählen. Der 1938 in Danzig geborene Schüler Stockhausens glänzte mit seinen Veröffentlichungen, fing bereits 1960 unter bürgerlichem Namen mit dem Holger Schüring-Quintett an, baute seit 1969 starke, kunstvolle Brücken zwischen Avantgarde und Pop – und gilt bis heute als eines der einflussreichsten internationalen Aushängeschilder klanglicher Innovation aus Deutschland. Nicht nur seine eigenen Veröffentlichungen beweisen dies, auch die unzähligen Platten, an denen er als Musiker oder Produzent beteiligt war, boten ein Maß an Originalität, Innovation und Humor, das nicht zuletzt durch den universellen Dilettanten, wie sich Czukay selbst gern nannte, entstand!
Czukays Facettenreichtum und sein spontaner, situativer Zugang, der ihm beispielsweise in seinen vielumjubelten Zusammenarbeiten mit Can-Kollege Jaki Liebezeit, Jah Wobble und The Edge (Full Circle 1982, Snake Charmer 1983) viel Bewunderung einbrachte, zeigte den sympathischen Musiker als Dreh- und Angelpunkt einiger der wegweisendsten Schallplatten der Musikgeschichte des späten 20. Jahrhunderts – und dies nicht nur in Deutschland. Eurythmics, Brian Eno, Conny Plank, Phew, David Sylvian, S.Y.P.H. – die Liste der Kollaborationen ist lang, noch länger wäre die Aufzählung derer, die er mit seiner Kunst inspirierte. Damon Albarn etwa traf Czukay und fand durch ihn seine Idee von den Gorillaz. Doch das ist nur eine von unendlich vielen Anekdoten aus einem bewegten Leben.
Interessant an Czukays Schaffen war dabei die Bildhaftigkeit, die seine akustische Arbeit stets mit sich brachte. 1979, kurz nach der Auflösung von Can, mit denen er als Gründungsmitglied zwölf Studioalben veröffentlichte, erschien etwa »Movies«, sein zweites Soloalbum nach »Canaxis 5« (das er schon 1969 zu Beginn seiner musikalischen Karriere mit Rolf Dammers heimlich im Kölner Stockhausen-Studio aufgenommen hatte). In »Movies« zeigte sich konkreter denn je: Sein Verfahren, aus der Situation der Aufnahme heraus auch vermeintliche Sound-Unfälle in seine Stücke zu integrieren, etwa durch die Verwendung von zufällig gefundenen Radiowellen, schuf musikalische Assoziationsketten, die das sprunghaft Visuelle der Post-Moderne zu Klang brachten, wie man es sonst nur aus dem experimentellen Kino kannte. »Movies« war dabei auch eine Konsequenz aus der Affinität für Filmmusiken, die schon seit der »Soundtracks«-Compilation (1970) die Geschichte von Can begleitete. Hier manifestierte sich spätestens Holgers Status als Großmeister der analogen Schnitttechnik.

Holger Czukay verstarb am 5. September 2017 nur wenige Wochen nach dem Tod seiner Partnerin Ursa Major. Bis zuletzt lebte er inmitten seiner Instrumente in dem alten Kino in Weilerswist bei Köln, wo so viel Musikgeschichte geschrieben wurde.

Hendrik Otremba, Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Czukay-Labels Grönland.

Die 10 besten Prog-Livealben der Jahre 1981–1990

Das beste Prog-Livealbum der Jahre 1981–1990 (für viele Fans das „dunkle Zeitalter des Progs“) ist – zumindest in der Abstimmung der Mitglieder der [progrock-dt]-Gruppe – Peter Gabriels „Plays Live“. Auf den Plätzen zwei und drei folgt „Broadway the Hard Way“ von Frank Zappa und Rushs „Exit…Stage Left“.

Nicht in die Top 10 schaffen es die Neoprog-Helden von Twelfth Night und die seinerzeit äußert erfolgreichen Barclay James Harvest. Szenegrößen wie Genesis, Pink Floyd und Marillion landeten „nur“ auf den Plätzen. Genesis und Frank Zappa waren bereits in der vorigen Liste mit den 10 besten Prog-Livealben der Jahre 1970–1980 vertreten.

(Berücksichtigt wurden nur Bands, die in den Babyblauen Seiten besprochen werden und die nicht posthum veröffentlicht wurden.)

Die Top 10 der besten Livealben der Jahre 1981–1990 aus dem Prog-Kosmos sieht wie folgt aus:

  1. Peter Gabriel – Plays Live
  2. Frank Zappa – Broadway the Hard Way
  3. Rush – Exit…Stage Left
  4. Marillion – The Thieving Magpie
  5. Genesis – Three Sides Live
  6. Pink Floyd – Delicate Sound of Thunder
    Saga – In Transit
  7. Rush – A Show of Hands
  8. Peter Hammill – The Margin
  9. Magma – Retrospektïw 1-2

Über den Tellerrand gehört 04/2017

Nach zu langer Abstinenz habe ich mich mal wieder durch die Tiefen der Musikplattform Bandcamp gewühlt, um meiner Meinung nach besondere, ausgefallene oder einfach nur sehr gute Musikperlen aufzuspüren. Für all diejenigen, die mein Faible für Bands abseits der eingetretenen (Musik-)Pfade teilen, habe ich hier eine Auswahl an Alben zusammen gestellt, die mir dabei besonders ins Auge, oder besser gesagt ins Ohr, gefallen sind:

 

Pequeno Céu – Praia Vermelha

Los geht es mit großartigen, brasilianischen Prog-Fusion-Jazz mit schön verwobenen Post-Rock, Psychedelic- und Math-Rock-Elementen.

 

Barrows – Obsidian

Ich kenne viele hervorragende Instrumental-Rock-Alben, aber nur wenigen gelingt es, ganz ohne Text, eine durchgängige, spannende Geschichte zu erzählen. Mit Obsidian ist der kalifornischen Band Barrows allerdings ein ganz hervorragendes Narrativ geglückt, dessen Inhalt ich hier noch nicht verraten möchte. Für mich ist Obsidian jedenfalls das bislang beste Instrumentalalbum dieses Jahres.

 


Empty Minds – 3377

Klassischen Hard-Rock deutlichem Grunge-Einschlag habe ich zuletzt in meiner Jugend in den 90er Jahren gehört, doch der große Grunge-Hype ging weitgehend spurloss an mit vorrüber. Dieses Album weckt bei mir Erinnerungen an diese Zeit und das in sehr positivem Sinne.

 

Data 91 – For the Kids

Sehr ungewöhnliches Instrumental-Album aus der Bronx. Zwar stören Eingangs ein-zwei unpassende Samples das Bild etwas aber dann folgen schöne, sehr experimentelle, teils psychedelische Klangbilder.

 

Their Dogs Were Astronauts – Neon Theatre

Poppiges Instrumental-Progressive-Metalcore-Djent-Album. Zugegebenermaßen nicht ganz so poppig wie so manches andere Album dieser Tage, dafür recht ausgefallen djentelig.

 

Lost Tribe Sound – Sampler

Der Sampler des amerikanischen Lost Tribe Sound Labels enthält spannende Modern-Classic, Americana und Chamber-Folk Stücke. Eine höchst interessante Sammlung für offene Ohren, auch wenn viele Stücke leider immer nur ein musikalisches Motiv aufgreifen um dann viel zu schnell zu enden, ohne etwas größeres daraus entstehen zu lassen.

 

DeadClockWork – German Stoner Compilation

DeadClockWork, betrieben von einem Bandmitglied der deutschen Stoner-Rock Band Blind Mess hat es sich zur Aufgabe gemacht, Sampler zum Promoten deutscher Rockbands zu erstellen. Den Anfang macht eine Stoner- und Desert-Rock Zusammenstellung, die mit einer Spielzeit von über drei Stunden eine erstaunlich große Bandbreite deutscher Bands abdeckt. Das Ganze gibt es auch noch als kostenlosen Download, da kann man wirklich nicht viel mit falsch machen!