2017 in music, die Favoriten der Redaktion: Sal’s (doppelte) Top-10-Liste (und mehr)

  1. Alben des Jahres (Prog, Rock, Klassik, etc.):


1. Isildurs Bane & Steve Hogarth – Colours Not Found In Nature
1. Dhani Harrison – In///Parallel

Es war ein gutes Jahr, aber vielleicht fehlte mir dieses Jahr der Überflieger (so wie vor Jahresfrist die „Blackstar“ von David Bowie). Heuer teilen sich Dhani Harrison und Isildurs Bane & Steve Hogarth den ersten Platz mit zwei grundverschiedenen Alben. Das eine – das Solo-Debüt des Sohnes von George Harrison – ist betont modern, elektronisch, rhythmisch akzentuiert und geradezu hypnotisierend, das andere – die Rückkehr der glorreichen Schweden von Isildurs Bane mit einem bestens aufgelegten Gastsänger Steve Hogarth – vermischt gekonnt Kammermusik und Retro-Prog, Jazz und Klassik des 20. Jahrhunderts. Beiden gemein ist eine Vielschichtigkeit, die die Alben vor Abnutzungserscheinungen bewahrt.

3. Robert Plant – Carry Fire

Ich gebe zu: Ich mag Robert Plant als Solo-Künstler viel lieber als bei Led Zeppelin. Sein neuestes Album reiht sich ein in die beeindruckende Diskografie seines Spätwerks. Plant belegt, dass man als Rocker in Würde altern kann, ohne peinlich zu werden oder zum Selbstplagiat zu erstarren. Düster, schwermütig, exzellent, alles andere als altbacken.

4. Soup – Remedies

Irgendwo zwischen Psychedelic Rock, New Artrock und Progressive Rock schweben die Norweger von Soup auf berauschenden Klangteppichen.

5. King Crimson – Live in Chicago

King-Crimson-Livealben gibt es mittlerweile viele, hörenswert sind alle, doch „Live in Chicago“ ist mehr: Es ist nicht nur das (bisher) beste Live-Dokument des „Doppel-Quartetts“, es ist das beeindruckendste Live-Album der Band seit seligen „Vrooom Vrooom“-Zeiten. Und die erschien 2001. Besonders gut gelingen die Neudeutungen der 80er-Belew-Songs. Damit hätte ich nicht gerechnet. Obwohl die neue Besetzung sehr wenig substanziell „Neues“ bietet, ist die Neusichtung des alten Materials ein Leckerbissen.

6. Maria Lettberg: Zara Levina – The Piano Concertos

Zusammen mit Barbara Hannigans „Crazy Girl Crazy“ die herausragende Klassik-Veröffentlichung des Jahres. In der Endabrechnung legt Maria Lettbergs Einspielung der völlig unbekannten Klavierkonzerte Zara Levinas weiter vorne, weil es sich nicht nur um eine musikalisch mitreißende Performance handelt, sondern auch um (quasi) neues, ungehörtes Material. Levinas Klavierkonzerte sind technisch und musikalisch allerfeinste russische Musikkultur des 20. Jahrhunderts.

7. Pat Mastelotto & Markus Reuter – Face

Das beste Mike-Oldfield-Album, das Mike Oldield nie aufgenommen hat. Mastelotto/Reuter haben mit „Face“ ein episches Meisterwerk vorgelegt, das leider im Jahr etwas untergegangen ist. Freunde großer Kompositionsbögen und überraschender Wendungen kommen hier allerdings voll auf ihre Kosten. Wer es verpasst hat, sollte dem Album unbedingt noch einmal eine Chance geben. Es lohnt sich.

8. Barbara Hannigan – Crazy Girl Crazy

Allein die Tatsache, dass die kanadische Sopranistin und Dirigentin Barbara Hannigan auf „Crazy Girl Crazy“ Werke von Luciano Berio, Alban Berg und George Gershwin vereint, ist der schiere Wahnsinn. La Hannigan formt aus dem eklektizistischen Ansatz ein homogenes, konzeptuell schlüssiges Album. Das Resultat ist schlichtweg mitreißend, betörend, beeindruckend, unangepasst, mutig, einzigartig.

9. Jeff Lynne’s ELO – Wembley or Bust

Wenn man, wie ich, mit der Musik des Electric Light Orchestras aufgewachsen ist, dann kommt man an dieser CD/Bluray (oder DVD) nicht vorbei. Lynne und seine neu formierte Band bringen die alten ELO-Klassiker mit Perfektion, Charme und (nur) einem Hauch Nostalgie perfekt auf die Bühne. Jeff Lynne, der gerade 70 geworden ist, ist hier in Bestform. Die Songs, quasi allesamt Klassiker, die Babyboomer und Gen-X-ler lauthals mitsingen können. Die Show wurde aufwendig gefilmt. Der Sound ist erste Sahne. Beruhigend zu sehen, dass ich im Publikum in Wembley noch zur jüngeren Hälfte gehört hätte.

10. John Kameel Farah – Time Sketches

John Kameel Farahs „Time Sketches“ verbindet Strukturen der Minimal Music mit Elementen der elektronischen Musik. Neben Klavier nutzte Farah auch analoge und digitale Synthesizer. Selten zuvor hat man eine so unverkrampfte und natürliche Symbiose aus „klassischer Musik“ und elektronischen Elementen gehört. Das Ergebnis ist ein faszinierender Klangrausch für alle Freunde der zeitgenössischen Musik und für aufgeschlossene Rockmusik-Fans.

Auf Spotify habe ich dazu eine Playlist mit den zehn Alben, abzüglich der Reuter/Mastelotto (aber mit Reuter/Reber/Sonar) erstellt.

Für die Prog-Puristen habe ich auch eine sortenreine Top 10 zusammengestellt. Die muss aber ohne große Erläuterungen auskommen.

Alben des Jahres (Prog):

  1. Isildur’s Bane & Steve Hogarth – Colours Not Found In Nature
  2. Soup – Remedies
  3. King Crimson – Live in Chicago
  4. Pat Mastelotto & Markus Reuter – Face
  5. Smalltape – The Ocean
  6. Zeitgeber – Heteronomy
  7. Schooltree – Heterotopia
  8. Barrows – Obsidion
  9. King Gizzard and the Lizard Wizard – Polygondwanaland
  10. Roger Waters – Is This the Life We Really Want?

Eine besondere Erwähnung verdienen auch die spannenden

Debütanten und Newcomer des Jahres

  1. Dhani Harrison – In///Parallel
  2. Smalltape – The Ocean
  3. Robin and the Modest – Eftychia

Ich habe eine besondere Schwäche für die

Live-Alben des Jahres

  1. Jeff Lynne’s ELO – Wembley or Bust
  2. King Crimson – Live in Chicago
  3. Security Project – Contact
  4. Sivert Høyem – Live At Acropolis – Herod Atticus Odeon, Athens
  5. Stick Men featuring Mel Collins – Roppongi

Last aber nicht wirklich least habe ich dann noch eine Liste mit zehn Alben, die oben nicht genannt wurden, die aber irgendwie doch zu schade sind, um unerwähnt zu bleiben.

Muss ich öfter hören bzw.
viel zu schade, um hier nicht gelistet zu werden

  • Adrift For Days – A Sleepless Grey
  • Bubblemath – Edit Peptide
  • Cheer-Accident – Putting Off Death
  • Hinterlandt – Ode to Doubt
  • Miriodor – Signal 9
  • O.R.k. – Soul of an Octopus
  • Becca Stevens – Regina
  • Tazebao – Opium Populi
  • The War of Drugs – A Deeper Understanding
  • Wobbler – From Silence To Somewhere

Die Chronisten-Pflicht nötigt mir auch noch diese Top-3 der besonderen Art ab.

Arschbomben des Jahres

  1. Yes – Topographic Drama – Live Across America
  2. Kansas – Leftoverture − Live & Beyond
  3. PFM – Emotional Tattoos

Anmerkung: Die angegebenen Links zu Amazon sind sogenannte „Affiliate Links“. Von den Verkäufen, die über diese Links generiert werden, wird ein geringer Prozentsatz (natürlich ohne Aufpreis) auf das Konto des Autoren gutgeschrieben. Mit dem so eingenommenen Geld versuche ich die laufenden Kosten für die Website zu finanzieren. Selbstverständlich steht es jeden Besucher frei, diese Links zu nutzen oder die ID-Tag am Ende des Links „wegzukürzen“ oder die CDs in anderen Shops oder bei lokalen Händlern zu kaufen.

Konzertbericht: Freakshow Artrock Festival 2017

Full House

Noch kein Mal zuvor waren so viele Kinder der Einladung ihres einschlägig lexikalisch wissenden Dr. Who, Charly Heidenreich, zum Festival der Rockmusik für Fortgeschrittene gefolgt und versammelten sich an zwei Tagen/Nächten zur scharfkantigen und bisweilen krachtonalen, schick Rhythmus-ziselierten und herzhaft verrückten Justierung des Hörsinns. Einmal im Jahr, für schmalen Obolus, lädt der Guru nach Würzburg, die eigenartigen Vorstellungen von Musik neu zu prägen, zu unterhalten und mit frischer Kost zu würdigen.

Nunmehr seit einigen Jahren schon in den Blauen Adler, wo Raum und Terrasse zum Platz des lauten Gemurmels werden, wenn die den Rest des Jahres weit Verstreuten neben den Konzerten zum verplapperten Erfahrungsaustausch anheben und allgemeines Wohlbefinden wie im Uterus der Mutter sich breit macht. Einige trinken Bier.

CDs gab es am ersten Tag noch nicht, die Bands nutzten die Gunst der Stunde, nach ihrem concerto eigenes Material anzubieten. So vorhanden.

Viele Menschen schönen Geistes waren angereist, Charly verbuchte Full House, der Laden war ausverkauft, keiner ging mehr rein, die Bude war proppenvoll und es war eine Pracht.

Die witzigen Jungs von POiL sollten den Auftakt meistern und das süchtige Volk in den wilden Strudel schleusen, standen aber noch auf der Autobahn und so begann die Band, die auf dem Flyer als erste vorgesehen war: Colonel Petrov’s Good Judgement. Zwei Schlagzeuger – und der Groove war vom Feinsten.
Ach so, beinahe vergessen. Bei Ankunft wird jedem Festivalgast ein Stempel auf den Arm gedrückt. Die Tinte dazu war mit psychogenen Drogen versetzt, die verhinderte, das auch nur ein Gast auf die Idee kommen könnte, ein Tönchen sei falsch, eine Band langweile, der Wein schmecke nicht. Von Beginn bis Ende waren alle Anwesenden vollends verzückt und sie werden nie erfahren, was mit ihnen geschehen bzw. dass die Tinte…

Der Colonel-Saxophonist mochte sein Mikrophon nicht, so war sein Instrument ganz silentium, dafür war sein Tanz – das rote Auge! – umso prächtiger. Seit langem, wie Cheffe Karl-Heinz meinte, mal wieder eine deutsche Band als Auftakt.

Ach so 2 – Wahlsonntag. Das Festivalgelände war Nazi-frei, die Geistes-Kinder der fortgeschritten progressiven Nonsens-Art sind allesamt Weltenbürger, denen politische Bekloptomanie vollkommen abgeht.

Das Völkchen ist in seinen einzelnen Personen schon ganz schön lange auf dem Planeten, so dass manch Anwesender, so allgemein auf der Straße angetroffen, nicht unbedingt als Avantrock-Freak zu erkennen gewesen wäre sondern als sein eigener Großvater, was sehr sympathisch ist, spricht es doch dafür, dass das gewaltige Krachgeschehen eine Lebensaufgabe ist, die nicht versiegt. Wenn noch Nerven sind, dann hierfür.

Le Silo sind eine Bank und die Ansagen der überdrehten und herzlich durchgeknallten Miyako hinreißend. Die Japaner sprechen etwa so viel Deutsch wie das Auditorium Japanisch, was mit allerlei Wortsuche, Englisch-Japanisch-Sonstwas-Gemisch absolviert wurde, dass die Pausen zwischen den Songs mindestens ebenso amüsant waren wie die Songs selbst. Tolle Show! Immerhin konnte Miyako soviel rüberbringen, dass das Bandtrio am Montag, so jetzt so, selbst wieder arbeiten muss, was wesentlich unbeliebter zu sein schien (und ist), als das Musizieren vor Verrückten auf der Bühne. Zuletzt gab es den Tanz-Contest um die einzige (!) CD, die das Trio noch zur Verfügung hatte. Die Dame gewann. Anschließend wurde dem deutschen Volksliedgut Tribut gezollt und noch am nächsten Tag tummelte sich „Muss I denn, muss i denn zum Städtele hinaus“ in meinem Kopf.

Cheer-Accident, die Wandelbaren mit stets neuem Musiksinn (und neuer CD im Paket) vollführten nach fröhlicher und kurzer Pause (leider immer nur etwa sowas wie eine Stunde) einen zackigen Reigen, der dann plötzlich nach etwa 9 Songs auf der Stelle stehen blieb und die Meute mit 748x dem Gleichen pausenlos versorgte, was das Auditorium, das ausgiebig musikalisch gebildet ist, eine Weile gefiel bis es nicht mehr gefiel. Aber: Progressive Rock. Der Song musste einfach 10 Minuten lang sein!

Als die Zeit schon nicht mehr real war und die Glut in den Ohrenbetäubten durch drogenversengte Adern schoss, kamen unsere Lieblinge POiL auf die Bühne. Mit neuer Show und dem bewährten und beliebten Musikwahnsinn schossen sie Holterdipolter in einen abgefahren rasanten Sound, dass kaum zu denken noch nachzuvollziehen war. Dieser Speed Core Prog kann kaum noch gedacht oder verstanden werden. Das war schon durchaus enorm lustig und absolut fabelhaft.

Schlaf. Dusche. Frühstück. Stadt. Frische Luft, Füsslein die Straßen entlang traben lassen, hier gucken da gucken. Federweißer!

Die Familie traf sich wohl so gegen 14 bis 15 Uhr wieder. Der Silvaner ist zu empfehlen, DRH auch. Die Franzosen spielten kernigen Jazzrock der, für diese geschulte Meute, eher leicht nachvollziehbaren Art. Kraftvoll, vital, energisch, aber nicht Anstalt. Guter Auftakt, die Gehirnzellen richteten ihre Antennen wieder auf. Pause.

Und diese Pausen sind ein Heidenspaß! Es braucht danach wohl Wochen, zusammengenommen genauso viel zu quatschen wie in diesen lockeren Stunden. Schnattertherapie für alle, die hier zuhause sind. War dat schön!

Schließlich waren die vom Hexenschuss nicht zu sehr geplagten Cowboys From Hell aus der Schweiz dran (Rockband: Schlagzeug, Bass, Saxophon, nicht John Coltrane, kein Jazz, obwohl kein Jazz – – – aber kein John Coltrane, denn: Rockband), die Bühne zu entern und die Köpfe wippten, die Beine federten, die Sinne schmolzen, Morgen hat es noch nie gegeben.

Alsbald wurde es akademisch und die Klassiker Miriodor – echt, DIE! – besetzten den tonalen Raum und verführten das Auditorium in kanadische Winkelgassen, dass die Stille anmutig zu genießen war.

Der Tag verlor seine letzten Minuten, als der Starkstromgenerator Piniol aus dem exzellenten Frankreich das Publikum bedonnerte. Zwei Gitarren, zweimal Bass, due Schlagzeuger mit uno Keyboards in der Mitten. An den Instrumenten die mit Vernunft und langweiliger Realität abgeschlossenen Herren von POiL und Ni vereint unter dem süßen Namen Piniol. Nicht zu fassen, Leute, nicht zu fassen. Es gibt keine Beschreibung. Fahrt hin, hört es euch an, sterbt später.

Erwachsene Menschen, normal anzusehen, kreischten, brüllten, pfiffen, tanzten und jubelten noch, als die Show samt saftiger Zugabe längst ausgetobt war. Es hat noch nie ein Gestern gegeben.

Der Sonntag erfreute diesen hier im Auto. 800 Kilometer hoch in den Norden.

Montag früh – world of pappe.

Keine 365 Tage mehr…