Nachruf für Holger Czukay

Am 5. September 2017 ist der ehemalige Can-Bassist und spätere Solo-Musiker Holger Czukay in Weilerswist bei Köln tot in seinem Haus aufgefunden worden. Czukay wurde 79 Jahre alt und starb nur wenige Wochen nach dem Tod seiner Partnerin Ursa. Die näheren Umstände seines Todes sind noch ungeklärt.

Ich habe Holger Czukay einmal kurz kennenlernen dürfen. Es muss Ende der 1990er Jahre gewesen sein. Er streifte durch das Kölner Kwartier Latäng und ein Bekannter winkte ihm zu. Er kam zu uns an den Tisch und grüßte dabei andere Bekannte, im Vorbeigehen. Ich war so aufgeregt, dass ich kaum ein gescheites Wort herausbrachte. Czukay strahlte eine unwiderstehliche Exzentrik  aus. Er entsprach – zumindest bei diesem Auftritt an unserem Bistrotisch – ganz dem Klischee des entrückten Künstlers. Auch seine Musik war entrückt, entfernte sich von den üblichen Stereotypen und Denkmustern. Czukay war, zunächst mit Can – die ich seit meiner frühesten Kindheit (dank eines älteren Bruders) kannte und wegen ihrer wilden Rhythmik verehrte – später als Solist oder Sessionpartner ein Nonkonformist und Suchender. Einer der gerne experimentierte und einer, der sich nicht für den Massengeschmack verbiegen ließ. Wie wichtig Czukay und Can wirklich waren, erkannte man vielleicht erst im Ausland, wo man die Originalität seiner Musik eher zu schätzen wusste, als im verstaubten Deutschland, wo Schlager und Disco bald wichtiger waren. Czukay war für mich eine musikalische Gallionsfigur einer sich verändernden deutschen Gesellschaft, die sich nicht mehr von den kleinbürgerlichen Klischees der Adenauerschen Nachkriegsära einengen lassen wollte. Ein anderes Deutschland, ein neues, internationales, verspieltes, kreatives, selbstironisches Deutschland: »Let’s get cool together in the pool.« — Ja, warum eigentlich nicht?
Bis zum heutigen Tag stelle ich mich ausländischen Musikfreunden als einer vor, der in der Stadt groß geworden ist, in der Can lebten und wirkten. Und immer noch ernte ich dafür anerkennende Blicke.

Den folgenden Nachruf habe ich über den Promoter (und Musikliebhaber) Ulli Rattay erhalten. Er wurde von Hendrik Otremba für Label Grönland geschrieben, auf dem Czukay zuletzt seine Werke veröffentlichte. Der Nachruf fasst in prägnanten Worten zusammen, wer Holger Czukay war und wie sein Œuvre als Musiker einzuordnen ist.

Salvatore Pichireddu, 7. September 2017

Holger Czukay (24. März 1938 – 5. September 2017)

Es ist schwierig, von einem Meisterwerk im Sinne eines Höhepunktes zu sprechen, wenn es um das Schaffen eines Meisters geht. Und Holger Czukay war ein Meister, jedes seiner Werke weiß davon zu erzählen. Der 1938 in Danzig geborene Schüler Stockhausens glänzte mit seinen Veröffentlichungen, fing bereits 1960 unter bürgerlichem Namen mit dem Holger Schüring-Quintett an, baute seit 1969 starke, kunstvolle Brücken zwischen Avantgarde und Pop – und gilt bis heute als eines der einflussreichsten internationalen Aushängeschilder klanglicher Innovation aus Deutschland. Nicht nur seine eigenen Veröffentlichungen beweisen dies, auch die unzähligen Platten, an denen er als Musiker oder Produzent beteiligt war, boten ein Maß an Originalität, Innovation und Humor, das nicht zuletzt durch den universellen Dilettanten, wie sich Czukay selbst gern nannte, entstand!
Czukays Facettenreichtum und sein spontaner, situativer Zugang, der ihm beispielsweise in seinen vielumjubelten Zusammenarbeiten mit Can-Kollege Jaki Liebezeit, Jah Wobble und The Edge (Full Circle 1982, Snake Charmer 1983) viel Bewunderung einbrachte, zeigte den sympathischen Musiker als Dreh- und Angelpunkt einiger der wegweisendsten Schallplatten der Musikgeschichte des späten 20. Jahrhunderts – und dies nicht nur in Deutschland. Eurythmics, Brian Eno, Conny Plank, Phew, David Sylvian, S.Y.P.H. – die Liste der Kollaborationen ist lang, noch länger wäre die Aufzählung derer, die er mit seiner Kunst inspirierte. Damon Albarn etwa traf Czukay und fand durch ihn seine Idee von den Gorillaz. Doch das ist nur eine von unendlich vielen Anekdoten aus einem bewegten Leben.
Interessant an Czukays Schaffen war dabei die Bildhaftigkeit, die seine akustische Arbeit stets mit sich brachte. 1979, kurz nach der Auflösung von Can, mit denen er als Gründungsmitglied zwölf Studioalben veröffentlichte, erschien etwa »Movies«, sein zweites Soloalbum nach »Canaxis 5« (das er schon 1969 zu Beginn seiner musikalischen Karriere mit Rolf Dammers heimlich im Kölner Stockhausen-Studio aufgenommen hatte). In »Movies« zeigte sich konkreter denn je: Sein Verfahren, aus der Situation der Aufnahme heraus auch vermeintliche Sound-Unfälle in seine Stücke zu integrieren, etwa durch die Verwendung von zufällig gefundenen Radiowellen, schuf musikalische Assoziationsketten, die das sprunghaft Visuelle der Post-Moderne zu Klang brachten, wie man es sonst nur aus dem experimentellen Kino kannte. »Movies« war dabei auch eine Konsequenz aus der Affinität für Filmmusiken, die schon seit der »Soundtracks«-Compilation (1970) die Geschichte von Can begleitete. Hier manifestierte sich spätestens Holgers Status als Großmeister der analogen Schnitttechnik.

Holger Czukay verstarb am 5. September 2017 nur wenige Wochen nach dem Tod seiner Partnerin Ursa Major. Bis zuletzt lebte er inmitten seiner Instrumente in dem alten Kino in Weilerswist bei Köln, wo so viel Musikgeschichte geschrieben wurde.

Hendrik Otremba, Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Czukay-Labels Grönland.

In memoriam: Keith Emerson * 2.11.1944; † 10.3.2016

Heute vor einem Jahr erreichte uns die Nachricht, dass Keith Emerson gestorben ist. Wenig später wurde bekannt, dass er Selbstmord begangen hatte, möglicherweise weil er aufgrund einer chronischen Nervenerkrankung, die die Beweglichkeit seiner rechten Hand zunehmend einschränkte, die Musik hätte aufgeben müssen. (Sein eigentlicher Todeszeitpunkt wurde nach der Obduktion auf den 10. März korrigiert).
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Thomas Kohlruß *1966 / †2017

Thomas Kohlruß *13.12.1966 / †11.2.2017

Der BBS-Rezensent, Radiomoderator und langjähriger Admin der [progrock-dt] Thomas Kohlruß ist gestern Vormittag nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von nur 50 Jahren verstorben.

Das [progrock-dt]-Admin-Team verabschiedet sich mit beklommenen Herzen von einem Freund:

Thomas Kohlruß war einer der Besten von uns. Einer der unendlich viel für die Szene getan hat; einer der sich mit Leidenschaft den beiden Dingen widmete, die er über alles liebte: seiner Familie und der Musik.

Als Rezensent war er eine der Stützen der Babyblauen Seiten, als Admin und Redakteur war er ein zuverlässiger Partner und Unterstützer, auch in Zeiten, als die Community unterzugehen oder in internen Streitereien zu zerbrechen drohte. Als Radiomoderator hat er unendlich viele kleine Bands einem geneigten Publikum vorgestellt und war ihr nimmermüder Förderer. Seine Sachkenntnis und der Respekt vor den Musikern zeichneten ihn über alle Maßen aus.

Thomas war glücklicher Ehemann, stolzer Vater, ein intelligenter und engagierter Kämpfer für eine moderne und offene Gesellschaft; in Diskussionen verlor er nie das Augenmaß, weder für seine Überzeugungen noch für seinen Diskussionspartner.

Mit Thomas Kohlruß verlieren wir einen unserer Besten. Ein Freund, ein Kollege, ein unverkrampfter und natürlicher Mensch, der mit seiner ruhigen Art ein Vorbild und Ansprechpartner für viele innerhalb der Community und in seinem Freundeskreis war.

Unendlich größer ist freilich der Verlust für seine Ehefrau und seinen Sohn. Aus vielen Gesprächen und Bemerkungen wussten wir, dass Thomas nichts wichtiger war, als seine Familie. Aus ihr schöpfte er die Kraft und die Liebe, die er selbst an seine Freunde und an die Musik weitergab.

Unser tief empfundenes Beileid und Mitgefühl geht an seine Familie und an seine engen Freunde.

Ruhe in Frieden, Thomas, wir werden Dich nie vergessen.

Das [progrock-dt]-Admin-Team