Der musikalische Adventskalender 2017 – Tag 6: PoiL – L’ire des papes / Dins o cuol #progadvent2017

Das französische Ausnahmetrio PoiL beschenkt uns am heutigen Nikolaustag mit einer Neuauflage ihres Debütalbums „L’ire des papes / Dins o cuol“. Den Hörer erwartet vertrackt-wuseliger Kammerprog, der auf diesem Erstling noch wesentlich filigraner klingt, als auf ihrem späteren Meisterwerk „Brossaklit“. Hier zeigt sich avantgardistischer Wahnsinn in seiner schönsten Form.

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Konzertbericht: Freakshow Artrock Festival 2017

Full House

Noch kein Mal zuvor waren so viele Kinder der Einladung ihres einschlägig lexikalisch wissenden Dr. Who, Charly Heidenreich, zum Festival der Rockmusik für Fortgeschrittene gefolgt und versammelten sich an zwei Tagen/Nächten zur scharfkantigen und bisweilen krachtonalen, schick Rhythmus-ziselierten und herzhaft verrückten Justierung des Hörsinns. Einmal im Jahr, für schmalen Obolus, lädt der Guru nach Würzburg, die eigenartigen Vorstellungen von Musik neu zu prägen, zu unterhalten und mit frischer Kost zu würdigen.

Nunmehr seit einigen Jahren schon in den Blauen Adler, wo Raum und Terrasse zum Platz des lauten Gemurmels werden, wenn die den Rest des Jahres weit Verstreuten neben den Konzerten zum verplapperten Erfahrungsaustausch anheben und allgemeines Wohlbefinden wie im Uterus der Mutter sich breit macht. Einige trinken Bier.

CDs gab es am ersten Tag noch nicht, die Bands nutzten die Gunst der Stunde, nach ihrem concerto eigenes Material anzubieten. So vorhanden.

Viele Menschen schönen Geistes waren angereist, Charly verbuchte Full House, der Laden war ausverkauft, keiner ging mehr rein, die Bude war proppenvoll und es war eine Pracht.

Die witzigen Jungs von POiL sollten den Auftakt meistern und das süchtige Volk in den wilden Strudel schleusen, standen aber noch auf der Autobahn und so begann die Band, die auf dem Flyer als erste vorgesehen war: Colonel Petrov’s Good Judgement. Zwei Schlagzeuger – und der Groove war vom Feinsten.
Ach so, beinahe vergessen. Bei Ankunft wird jedem Festivalgast ein Stempel auf den Arm gedrückt. Die Tinte dazu war mit psychogenen Drogen versetzt, die verhinderte, das auch nur ein Gast auf die Idee kommen könnte, ein Tönchen sei falsch, eine Band langweile, der Wein schmecke nicht. Von Beginn bis Ende waren alle Anwesenden vollends verzückt und sie werden nie erfahren, was mit ihnen geschehen bzw. dass die Tinte…

Der Colonel-Saxophonist mochte sein Mikrophon nicht, so war sein Instrument ganz silentium, dafür war sein Tanz – das rote Auge! – umso prächtiger. Seit langem, wie Cheffe Karl-Heinz meinte, mal wieder eine deutsche Band als Auftakt.

Ach so 2 – Wahlsonntag. Das Festivalgelände war Nazi-frei, die Geistes-Kinder der fortgeschritten progressiven Nonsens-Art sind allesamt Weltenbürger, denen politische Bekloptomanie vollkommen abgeht.

Das Völkchen ist in seinen einzelnen Personen schon ganz schön lange auf dem Planeten, so dass manch Anwesender, so allgemein auf der Straße angetroffen, nicht unbedingt als Avantrock-Freak zu erkennen gewesen wäre sondern als sein eigener Großvater, was sehr sympathisch ist, spricht es doch dafür, dass das gewaltige Krachgeschehen eine Lebensaufgabe ist, die nicht versiegt. Wenn noch Nerven sind, dann hierfür.

Le Silo sind eine Bank und die Ansagen der überdrehten und herzlich durchgeknallten Miyako hinreißend. Die Japaner sprechen etwa so viel Deutsch wie das Auditorium Japanisch, was mit allerlei Wortsuche, Englisch-Japanisch-Sonstwas-Gemisch absolviert wurde, dass die Pausen zwischen den Songs mindestens ebenso amüsant waren wie die Songs selbst. Tolle Show! Immerhin konnte Miyako soviel rüberbringen, dass das Bandtrio am Montag, so jetzt so, selbst wieder arbeiten muss, was wesentlich unbeliebter zu sein schien (und ist), als das Musizieren vor Verrückten auf der Bühne. Zuletzt gab es den Tanz-Contest um die einzige (!) CD, die das Trio noch zur Verfügung hatte. Die Dame gewann. Anschließend wurde dem deutschen Volksliedgut Tribut gezollt und noch am nächsten Tag tummelte sich „Muss I denn, muss i denn zum Städtele hinaus“ in meinem Kopf.

Cheer-Accident, die Wandelbaren mit stets neuem Musiksinn (und neuer CD im Paket) vollführten nach fröhlicher und kurzer Pause (leider immer nur etwa sowas wie eine Stunde) einen zackigen Reigen, der dann plötzlich nach etwa 9 Songs auf der Stelle stehen blieb und die Meute mit 748x dem Gleichen pausenlos versorgte, was das Auditorium, das ausgiebig musikalisch gebildet ist, eine Weile gefiel bis es nicht mehr gefiel. Aber: Progressive Rock. Der Song musste einfach 10 Minuten lang sein!

Als die Zeit schon nicht mehr real war und die Glut in den Ohrenbetäubten durch drogenversengte Adern schoss, kamen unsere Lieblinge POiL auf die Bühne. Mit neuer Show und dem bewährten und beliebten Musikwahnsinn schossen sie Holterdipolter in einen abgefahren rasanten Sound, dass kaum zu denken noch nachzuvollziehen war. Dieser Speed Core Prog kann kaum noch gedacht oder verstanden werden. Das war schon durchaus enorm lustig und absolut fabelhaft.

Schlaf. Dusche. Frühstück. Stadt. Frische Luft, Füsslein die Straßen entlang traben lassen, hier gucken da gucken. Federweißer!

Die Familie traf sich wohl so gegen 14 bis 15 Uhr wieder. Der Silvaner ist zu empfehlen, DRH auch. Die Franzosen spielten kernigen Jazzrock der, für diese geschulte Meute, eher leicht nachvollziehbaren Art. Kraftvoll, vital, energisch, aber nicht Anstalt. Guter Auftakt, die Gehirnzellen richteten ihre Antennen wieder auf. Pause.

Und diese Pausen sind ein Heidenspaß! Es braucht danach wohl Wochen, zusammengenommen genauso viel zu quatschen wie in diesen lockeren Stunden. Schnattertherapie für alle, die hier zuhause sind. War dat schön!

Schließlich waren die vom Hexenschuss nicht zu sehr geplagten Cowboys From Hell aus der Schweiz dran (Rockband: Schlagzeug, Bass, Saxophon, nicht John Coltrane, kein Jazz, obwohl kein Jazz – – – aber kein John Coltrane, denn: Rockband), die Bühne zu entern und die Köpfe wippten, die Beine federten, die Sinne schmolzen, Morgen hat es noch nie gegeben.

Alsbald wurde es akademisch und die Klassiker Miriodor – echt, DIE! – besetzten den tonalen Raum und verführten das Auditorium in kanadische Winkelgassen, dass die Stille anmutig zu genießen war.

Der Tag verlor seine letzten Minuten, als der Starkstromgenerator Piniol aus dem exzellenten Frankreich das Publikum bedonnerte. Zwei Gitarren, zweimal Bass, due Schlagzeuger mit uno Keyboards in der Mitten. An den Instrumenten die mit Vernunft und langweiliger Realität abgeschlossenen Herren von POiL und Ni vereint unter dem süßen Namen Piniol. Nicht zu fassen, Leute, nicht zu fassen. Es gibt keine Beschreibung. Fahrt hin, hört es euch an, sterbt später.

Erwachsene Menschen, normal anzusehen, kreischten, brüllten, pfiffen, tanzten und jubelten noch, als die Show samt saftiger Zugabe längst ausgetobt war. Es hat noch nie ein Gestern gegeben.

Der Sonntag erfreute diesen hier im Auto. 800 Kilometer hoch in den Norden.

Montag früh – world of pappe.

Keine 365 Tage mehr…